Ein Erfahrungsbericht: Post aus dem Dannenröder Wald

Seit rund zwei Monaten besetzen Aktivist:innen den Dannenröder Wald, um die Autobahn A49 zu verhindern. Eine:r schildert im Gastbeitrag ihre Erfahrungen.

Gereizte Stimmung: Schneidet die Polizei diese Seile durch? Bild: privat

Es ist ein Tag im November. Schon früh geht die Sonne unter, die den Dannenröder Wald und mir heute Wärme gespendet hat. Das Licht färbt die kahlen Bäume in ein sanftes Rosa und weckt in mir die Lust, mich in meine Decke einzukuscheln und Tee zu trinken, wären da nicht die Kettensägen. Von meinem Baumhaus aus höre ich schon den ganzen Tag lang das Kreischen der Maschinen, das unerbittliche Dröhnen der Harvester und das schauerlichste Geräusch von allen: das Krachen der fallenden Bäume.

In dieser Geräuschkulisse der Zerstörung mischen sich die Stimmen und Gesänge der anderen Aktivist*innen. „Du bist nicht allein“ rufen wir uns gegenseitig zu, wenn eins von uns geräumt, also von den Bäumen geholt wird, die wir schützen wollen. Ich zucke zusammen. Wieder und wieder höre ich die Schläge, die der Aufprall der Bäume verursachen. Ein erbarmungsloser Vorgang: „Ihr seid Marionetten der Umweltzerstörung“ tönt es aus einem Megaphon. Gerichtet ist diese Botschaft an die Polizist*innen, die mitten in einer globalen Pandemie durch einen Großeinsatz die Rodung und Räumung durchdrücken.

In den letzten Tagen habe ich in viele müde Augen geblickt, von Menschen die sich für eine lebenswerte Zukunft einsetzen. Hinter diesen Augen stecken Schüler*innen, Studierende, angehende Lehrer*innen, Auszubildende, Baumpfleger*innen, Rentner*innen, Köche, Schornsteinpfleger*innen, Bäuer*innen, Menschen voller Hoffnungen und Träume, kurz: Aktivist*innen. Viele von ihnen berichten von Polizeigewalt. Sie wurden geschlagen, angepinkelt, gejagt und verprügelt, ihnen wurden Nahrungsmittel verwehrt oder haben erlebt, wie ihren Freund*innen Gewalt zugefügt wurde. Ich selbst musste mit ansehen, wie Polizist*innen durch mein Baumhausdorf gerannt sind und alles kaputt getreten haben, was ihnen in den Weg kam. Bilder, Banner und unser selbst gebauter Pizzaofen vielen ihren Zerstörungswut zum Opfer.

„Sie mögen die Welt selber nicht, in der sie leben“, wir stehen vor der Verwüstung und ich stimme den Worten der Aktivist*in zu. Wie sollte auch ein Mensch die graue, kalte Welt lieben können, in der sich jeder Verantwortung entzogen wird? In der alle „nur meinen Job machen“ und ohne Rücksicht auf Verluste unentbehrliche Wälder wie der Danni für eine Autobahn zerstört werden? Wer möchte in einer solchen Welt leben? In der für eben jene gefühllose Autobahn Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden, weil Polizist*innen alles scheißegal scheint und sie trotz unserer eindringlichen Warnungen Seile durchschneiden, an denen Menschen hängen.

Die Menschen hören nicht auf, für den Danni zu kämpfen.

„Wenn sie so weitermachen, wird eins von uns sterben“, traurig blickt mich eine Aktivist*in an, nachdem wir erfahren mussten, dass wieder eine Person durch das Handeln der Polizei im Krankenhaus liegt. Sie hat gebrochene Halswirbel. Zu welchem Preis soll diese Autobahn gebaut werden? Schon längst erscheint mir der Preis zu hoch. Mitten in einer dramatischen Klimakrise wird nicht nur der Lebensraum unzähliger Tierarten zerstört, sondern auch die Chance auf eine echte Mobilitätswende. Die Chance für die „grüne“ Landesregierung, mutige Entscheidungen zu treffen und nicht am Status Quo festzuhalten, der untragbar für uns alle ist.

Die Menschen im und um den Wald hören nicht auf für den Danni zu kämpfen. Für die Welt zu kämpfen, an die wir glauben. Aber hier in Hessen gerät die Welt aus den Fugen. Denn obwohl Aktivist*innen jeden Tag Gewalt angetan wird und rücksichtslos ein Ökosystem zerstört wird, sind es nicht die Polizist*innen, nicht die grüne Landesregierung die sich zum Thema Gewalt äußern müssen – sondern wir. Und bei all dem Schmerz, den ich hier erlebe, bin ich wütend über die Ungerechtigkeit, die wir in dieser Frage erfahren.

Mehr als ein Jahr lang haben wir in der Besetzung und mit den Anwohner*innen friedlich zusammengelebt. Und wenn sich die Dunkelheit über den Wald legt und der Horror der Kettensägen und der Gewalt für den Tag endet, dann tun wir das noch immer. Dann zünden wir Kerzen an und tanzen im flackernden Licht. Dann rücken wir näher am Lagerfeuer zusammen und singen Lieder über Freiheit und Veränderung. Dann nehmen wir uns in den Arm und in unseren Gesichtern steht Trauer.

Ich kann verstehen, dass Menschen wegschauen, weil es schmerzhaft ist zu sehen, wie brutal unsere Gesellschaft ist. Aber genau das tun wir hier im Danni, wir schauen hin und nehmen nicht hin, was wir sehen. Egal was passieren wird, ich werde die Welt mit veränderten Augen sehen und ich werde wissen, dass sie nicht so sein muss, wie sie ist. Das ich und wir alle sie verändern können. Ich weiß das, weil ich es bereits erlebt habe, weil wir sie schon längst verändert haben.

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