Ehrenamtliches Engagement: Der German Doctor in Nairobi

Der Berliner Arzt Rolf Krispin verbringt regelmäßig seinen Jahresurlaub in Kenia. In den Slums der Hauptstadt leistet er medizinische Basisarbeit

Rolf Krispin ist ein German Doctor. Nicht hier im Berliner Ärzteforum im Stadtteil Wedding, wo weiß getünchte Wände und schwarze Flachbildschirme die Kulisse einer deutschen Arztpraxis bilden. German Doctor wird der 63-Jährige nur in Kenias Hauptstadt Nairobi genannt. Dort, in den Slums der Millionenstadt, wo eine Wellblechhütte ein Haus und Hygiene ein Fremdwort ist, verbringt Krispin regelmäßig seinen Jahresurlaub. Im Frühjahr 2009 wird der 63-jährige Allgemeinarzt zum vierten Mal dorthin zurückkehren. "Ich werde gebraucht, also fahre ich hin", sagt Krispin leise am Tisch eines Sprechzimmers, während sich der Berliner Verkehr vor den Fenstern geräuschvoll vorbeiwälzt.

In Nairobi sind die German Doctors nach 25 Jahren Arbeit fast zu einer Institution geworden. Selbst Menschen mit Geld suchen die deutschen Ärzte auf, die von der Hilfsorganisation Ärzte für die Dritte Welt für jeweils sechs Wochen in die ärmsten Gegenden der Welt entsandt werden. Die humanitäre Hilfsorganisation hilft jedoch nur denen, die sich keinen Arztbesuch leisten können. Wer genügend Geld hat, wird zu den einheimischen Ärzten der Stadt geschickt. 2.300 deutsche Mediziner verbrachten seit Gründung von Ärzte für die Dritte Welt schon ihren Jahresurlaub in Großstadtslums und Elendsgebieten. Weil viele Ärzte, wie der Berliner Rolf Krispin, Jahr für Jahr zurückkehren, konnte der Verein bereits 4.500 Einsätze realisieren.

Die Mittel, mit denen die German Doctors in den Slums dieser Welt den Kampf gegen Krankheiten führen, sind beschränkt. Krispin wuchtet mit zwei Händen die Rote Liste - das Verzeichnis der in Deutschland zugelassenen Medikamente - auf den Sprechzimmertisch. Lächerlich klein wirken daneben zwei Seiten mit Medikamentennamen, die der Berliner Arzt in Nairobi verschreibt. "Man braucht nicht tausend verschiedene Mittel, um Krankheiten zu bekämpfen", sagt er mit Blick auf den roten Wälzer. Basismedizinische Hilfe ist schon mit wenigen Medikamenten möglich.

Eine weitere Erkenntnis nach insgesamt 30 Wochen Nairobi: Der deutsche Alltag ist banal. Rolf Krispin erzählt mit ruhiger Stimme. Seine Hände hat er um den Oberkörper verschränkt. Der 63-Jährige spricht über Deutschland, wo im Fernsehen Stars und Sternchen ihren Reichtum wie einen Gottesdienst zelebrieren und alle zuschauen. Er wird laut, hebt seine Hand und sagt: "Diesen Gegensatz in Nairobi zu sehen tut mir weh."

In Berlin kümmert sich Rolf Krispin seit wenigen Jahren nur noch um Aids- und Krebspatienten, die er für das Ärzteforum Wedding in ihren Wohnungen besucht. "Problemchen" nennt er heute die Krankheiten, mit denen viele Patienten seine ehemalige Praxis bevölkerten. Im Jahre 2000 gab er sie krankheitsbedingt auf. Auch für die Ungeduld vieler Patienten hat der German Doctor nur noch ein müdes Lächeln übrig. Kam Krispin in Nairobi am Morgen zur Praxis im Slum, warteten oft bis zu dreihundert Menschen vor der Tür.

Doch so bereitwillig wie Rolf Krispin gehen nur wenige seiner Kollegen für die deutsche Hilfsorganisation in ein Dritte-Welt-Land. Der Einsatz ist unbezahlt, der medizinische Alltag selbst für einen Arzt schockierend: Babys mit Herzfehlern müssen unausweichlich sterben, die Aids-Rate ist mit 40 Prozent in schwindelerregender Höhe, und die Hautkrankheiten im Slum entstellen Menschen oft vollständig. 3,7 Millionen Euro bringt die Hilfsorganisation Ärzte für die Dritte Welt jährlich für Medikamente und Infrastruktur auf. Dabei kann die Arbeit die Not in den Slums und Elendsviertel nur lindern, nicht beseitigen.

Einen Vorteil bietet die Hilfsorganisation den Ärzten aber auch. Mediziner wie Rolf Krispin wollen helfen, Deutschland jedoch nicht gleich für mehrere Jahre den Rücken kehren. In sechs Wochen kann ein Arzt ebenfalls viel bewirken. Und auch wenn die Arbeit der Ärzte einem Kampf gegen Windmühlen gleicht - die Lebenseinstellung des Berliners ist heute eine andere. Rolf Krispin, der German Doctor, blickt durch das Sprechzimmer mit den schwarzen Flachbildschirmen und den weißen Wänden und sagt: "Der Blick auf das Leben verändert sich." Im Verkehr vor dem Fenster findet gerade wieder ein Hupkonzert statt.

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