„Disco!“ in der Bretagne: Alkoholleichen im Minutentakt

Das 35. Festival Trans Musicales füllt in der bretonischen Stadt Rennes kleine Bars und große Hallen mit Tanzenden, Trinkenden und der Musik von 63 Bands.

Stromae, auf der Bühne mit Hemd und Fliege, singt von „Moules Frites“ und alle singen mit. Bild: Nicolas Joubard

Mögen Sie Boogaloo? Oder Chicha-Musik? Und wieso zittert man eigentlich wie Espenlaub? Das sind Fragen, die einen während eines Konzerts der kolumbianischen Band Meridian Brothers beschäftigen. Sie spielen in einer zugigen Halle auf dem Messegelände Parc Expo in der bretonischen Stadt Rennes. Die Meridian Brothers liefern eine tropische Variante von „Disco!“, so heißt die Klammer, die das diesjährige Programm des Trans-Musicales-Festivals zusammenhält.

Das Festival hat traditionell ein Faible für Musik aus der Diaspora, und so teilen sich die Kolumbianer eine Bühne mit Künstlern aus der Ukraine, von der Insel La Reunion oder Nigeria, ohne dass auch nur einmal der unscharfe Begriff World Music fällt. Stattdessen tanzen die Zuschauer in Schals und Mützen, allen widrigen Umständen zum Trotz. Es ist eiskalt, 2 Uhr morgens, das Festival geht in seine zweite Nacht. Das Quintett aus Bogota um den nervösen Gitarristen Eblis Alvarez und die quirlige Saxofonistin Maria Valencia spielt sich warm.

Während Valencia stoisch auf ihre Kuhglocke eindrischt, wird sie plötzlich vom Schüttelfrost gepackt, am ganzen Körper zitternd, reagiert sie auf die Musik. Aus einer Farfisa-Orgel purzeln leiernde Tonfolgen, die wie Efeu über die Rhythmen wachsen. Immer klingt es, als hätten die Töne zu lange in der Sonne gelegen.

15 Minuten mögen vergehen, bis so ein psychedelischer Jam in den nächsten überführt wird. Man ist wie in Trance. Das Schlagzeug pulst mit der ständigen Betonung von Blechtrommel und HiHat, dazu Percussion, scharf angespielte Gitarrenriffs und ein Bass, der den Boden zum Beben bringt. Die Meridian Brothers lassen sich durch nichts aus ihrem tropischen Konzept bringen. Aus der Halle nebenan dringen dumpfe Sounds eines DJs. „Der Song heißt DJ of Love,“ sagt Eblis Alvarez, grinst. Bei Maria Valencia bricht wieder der Schüttelfrost aus.

Sanitäter im Minutentakt

Manche Zuschauer haben sich da schon bewusstlos getrunken. Eintrittspreise beim Trans Musicales sind traditionell niedrig (21 Euro pro Abend, 18 Euro verbilligt). Um Geld zu sparen, wird schon im Shuttlebus Schnaps und Bier getrunken. Selbst der Polizeipräfekt von Rennes wurde darob melancholisch. Er wünsche sich die Zeiten von Punk zurück, da sei die Musik zwar schrecklich gewesen, aber der Konsum von Alkohol und Drogen wäre überschaubar geblieben. 22.000 Karten wurden dieses Jahr allein für das Messegelände Parc Expo und seine drei Hallen verkauft, wo von Donnerstag bis Samstag 63 Künstler aufgetreten sind. Freitagnacht bringen Sanitäter im Minutentakt Alkoholleichen mit herabbaumelnden Armen auf Tragen zu den Einsatzfahrzeugen.

Bizarre Welt

Mondo Bizarro. Bizarre Welt. Das ist der Name eines kleinen Clubs in Rennes. Wie hier beherbergen Bars in der Altstadt rund um den Platz Saint Anne Bands und veranstalten während des Festivals Konzerte. Etwas ruhiger als im Parc Expo lässt sich die Musik hier aus nächster Nähe verfolgen, man kommt schnell ins Gespräch, vor der Tür werden Crepes serviert und Bratwürste.

Am Donnerstag tritt das Pariser Duo Ici & Lui vor vielleicht 50 Leuten auf. In einer Sardinenbüchse dürfte es geräumiger sein, macht aber nichts. Das Duo lässt mit Sampler, Trompete und Gitarre die versunkene Welt von Labels wie Celluloid Records wieder auferstehen. Es reicht, dass man Ici & Lui hört, um sofort an Alan Vega oder Lizzy Mercier Descloux zu denken. Künstler, die Ende der Siebziger Grenzen zwischen Punk und Disco überwunden hatten. Heute müssen Ici & Lui nichts mehr überwinden, ergo ächzt es auch nicht so dringlich wie früher. Dafür lassen sie zu ihren Songs auf einer kleinen Leinwand Manga-Filme laufen, wir sind ja schließlich im Club Mondo Bizarro.

„Hier ist es ziemlich bizarr“, sagt auch Stromae am Freitagabend zur Peaktime in der ausverkauften Halle 9. „Ist es immer so bizarr bei euch?“ Ohrenbetäubender Lärm als Antwort. Stromae hat die 7.000 Zuschauer auf seiner Seite. Die Hände schnellen nach oben und bleiben da während anderthalb Stunden. Paul Van Haver; der belgisch-ruandische Dancerapper, der sich Stromae (Maestro mit vertauschten Silben) nennt, ist in Frankreich der Senkrechtstarter des Jahres. Monatelang war er mit seinem Album „Racine Carrée“ auf Nummer eins. Stromaes Eurodance-Sound mit französischem Sprechgesang schlägt Brücken zwischen HipHop und Chanson.

Bei Stromae wird frenetisch mitgesungen

Auf der Bühne bleibt er Gentleman, trägt Hemd mit Fliege, Weste und maßgeschneiderte Anzüge, tanzt athletisch und beherrscht das Spiel mit Hooklines und simplen Texten. Ständige Wortwiederholungen, Abzählreime. Stromae leitet offenkundig die Propagandaabteilung des Banalen. „C’est formidable“, „Moules Frites“ heißen seine Hits, die frenetisch mitgesungen werden. Stromae ist hager, erinnert ein wenig an seinen Landsmann Jacques Brel, aber er bewegt sich wie ein Breakdancer und animiert die Leute, wie es nur jemand kann, der mit dem Call-and-Response-Schema von HipHop vertraut ist.

Stromae ist eine Erscheinung, charismatisch, zielsicher, ein selbstbewusster Popstar mit Einwandererwurzeln, der nicht nur weiß, wie man eine Party in Gang bekommt, sondern auch, wie man sie am laufen hält.

Wurzeln von Disco

Um die Wurzeln von Disco geht es am Samstagnachmittag bei einem Vortrag des Journalisten Pascal Bussy im Kulturpalast Champs Libre. Sachkundig zieht er einen Bogen von der „Discothèque“ über den Pophedonismus der siebziger Jahre bis zur heutigen Clubkultur. Als wüsste man nicht, dass die Grande Nation Grundlegendes zu dieser glitzernden Geschichte beigetragen hat, zählt Bussy nochmals Figuren wie Jacques Morali (den Produzenten der schwulen Discoband Village People), den DJ François Kevorkian oder die Sängerin Sheila B. auf. Hernach spielt die New Yorker Band Escort um die Sängerin Adeline Michèle. Die älteren Semester stellen geschwind ihre Einkaufstüten beiseite und erheben sich von ihren Sitzen, um zu tanzen.

Zur fortgeschrittenen Stunde im Parc Expo wirkt die Disco-Atmosphäre um einiges rüder. Während das italienische DJ-Duo Tiger & Woods vollkommen entspannten cheesy House auflegt, rempeln einen Bommelmützen tragende junge Bretonen ständig an. Leider stellt sich kein Schüttelfrost mehr ein.

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