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Dirk Knipphals Das Ideal in dunklen Zeiten hochhalten

Ein Logo-Wettbewerb für die Menschenrechte (2011) Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Optimistisch dahingehend, universalistische Ideale – Menschenrechte, Völkerrecht – in der Realität auch tatsächlich umsetzen zu können, ist derzeit kaum jemand. Auch Hans Joas nicht. Der Sozialphilosoph hat kürzlich eine eingehende Geschichte des moralischen Universalismus vorgelegt (Suhrkamp, 975 Seiten, 48 Euro). Im Online-Magazin Republik.ch wurde er soeben gründlich dazu befragt.

Am Schluss des Gesprächs geht es um einen Punkt, der durch das handfeste US-amerikanische Eingreifen in Venezuela weitere Dringlichkeit erhält. Der Interviewer Daniel Graf fragt also Hans Joas: „Woran halten Sie sich in Momenten, in denen der Realitätscheck vielleicht den Glauben an die universalistischen Ideale allzu sehr angreift?“

Joas antwortet: „Ich bin ehrlich gesagt heute nicht optimistisch, was die Zukunft des moralischen Universalismus betrifft. Aber ich halte mich an das berühmte Václav-Havel-Zitat, dass Hoffnung, im Unterschied zum Optimismus, nicht bedeutet, zu glauben, dass eine Sache gut ausgeht. Sondern dass, egal wie die Sache ausgeht, ein Sinn in ihr liegt. Ich würde also nicht sagen, dass ich optimistisch bin zurzeit. Aber ich sehe auch in dunklen Zeiten einen Sinn darin, das Ideal des moralischen Universalismus hochzuhalten.“

Aufteilung der Welt in Machtzonen

Den Universalismus hochhalten – im Sinne eines Eintretens für alle Menschen, auch jenseits der eigenen sozialen Gruppe, Nation oder Religion –, das klingt hilflos, zumindest fragil genug angesichts der drohenden Neuaufteilung der Welt in Machtzentren, Einflussbereiche und Hinterhöfe. Die Frage ist: Will man das überhaupt? Eine gewichtige Kritik am Universalismus besteht ja in der These, mit ihm würden vor allem westliche und damit letztlich koloniale Machtinteressen verbrämt. Joas liefert nun aber gute Gründe, es tatsächlich zu wollen.

Und zwar vermag er gut plausibel zu machen, dass der Universalismus keinesfalls nur eine westliche Erfindung ist, sondern auch in China, Indien und Persien entstand. Zudem verweist er darauf, dass die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948, wichtiges Gründungsdokument der UNO, maßgeblich mitverfasst wurde von Peng-chun Chang, einem konfuzianischen Chinesen, und Charles Malik, einem arabischen Christen aus dem Libanon. Die Inderin Hansa Mehta hat eine geschlechterübergreifende Sprache eingebracht, der linke Chilene Hernán Santa Cruz die Nennung sozioökonomischer Rechte.

Potenzial zur Kritik

Vielleicht motivieren diese Hinweise ja dazu, mit der Hegemonie des Westens nicht gleich auch den moralischen Universalismus untergehen zu lassen. Joas zufolge wurde mit universalistischen Vokabeln welthistorisch zwar immer wieder die Expansion von Imperien gerechtfertigt. Dazu in Spannung stand aber stets ein „starkes Potenzial zur Kritik aller imperialen Ansprüche“, das für Joas im Universalismus steckt.

Es ist dieses Potenzial zur Kritik, das man wohl hochhalten sollte. Zur Rechtfertigung seiner Machtdemonstrationen braucht Trump den Universalismus gar nicht erst. Aber man braucht ihn zur Machtkritik.

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