Die anderen: Zum Jahres-, Jahrhundert- und Jahrtausendende schreiben Johann Gottfried Herder / Arthur Schopenhauer / Friedrich Nietzsche / Giordano Bruno / Johann Wolfgang Goethe / Ludwig Feuerbach / Rainer Maria Rilke:
Zum Jahres-, Jahrhundert- und Jahrtausendende meint Johann Gottfried Herder in seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte: Wie selten verdiente ein Europäer den Lobspruch der Eingebornen: „Er ist ein vernünftiger Mensch, wie wir sind!“ Und ob sich die Natur an jedem Frevel, den man ihr antut, nicht räche? ... Das folgende Jahrtausend mag es entscheiden, was unser Genius andern Klimaten, was andere Klimate unserm Genius genutzt oder geschadet haben.
Zum selben Thema schreibt Arthur Schopenhauer in Die Welt als Wille und Vorstellung: Man bedenke, wohin es mit den Anmaaßungen der Priesterschaft jeder Religion kommen würde, wenn der Glauben an ihre Lehren so fest und blind wäre, wie jene eigentlich wünscht. Man sehe dabei zurück auf alle Kriege, Unruhen, Rebellionen und Revolutionen in Europa vom achten bis zum achtzehnten Jahrhundert: wie wenige wird man finden, die nicht zum Kern, oder zum Vorwand, irgend eine Glaubensstreitigkeit, also metaphysische Probleme, gehabt haben, welche der Anlaß wurden, die Völker aufeinander zu hetzen. Ist doch jenes ganze Jahrtausend ein fortwährendes Morden, bald auf dem Schlachtfeld, bald auf dem Schafott, bald auf den Gassen, – in metaphysischen Angelegenheiten.
Friedrich Nietzsche kommentiert die Deutschen in Götzen-Dämmerung: Was der deutsche Geist sein könnte, wer hätte nicht schon darüber seine schwermütigen Gedanken gehabt! Aber dies Volk hat sich willkürlich verdummt, seit einem Jahrtausend beinahe: nirgendswo sind die zwei großen europäischen Narkotika, Alkohol und Christentum, lasterhafter gemißbraucht worden. Wie viel verdrießliche Schwere ... ist in der deutschen Intelligenz!
Der Renaissancephilosoph Giordano Bruno schreibt in Von der Ursache, dem Princip und dem Einen zum Thema Zeit: ... dem Verhältniss des Unendlichen nähert sich ein noch so viel grösseres Theil nicht mehr an, als ein noch so viel kleinerer, und deshalb ist in der unendlichen Dauer die Stunde nicht vom Tage, der Tag nicht vom Jahr, das Jahr vom Jahrhundert, das Jahrhundert vom Moment verschieden.
Johann Wolfgang Goethe dazu in Stella: Ein Jahrtausend von Tränen und Schmerzen vermöchten die Seligkeit nicht aufzuwiegen der ersten Blicke, des Zitterns, Stammelns, des Nahens, Weichens – des Vergessens sein selbst – den ersten flüchtigen, feurigen Kuß, und die erste ruhigatmende Umarmung ...
Ludwig Feuerbach betont in Das Wesen des Christentums: Ich bin Idealist nur auf dem Gebiete der praktischen Philosophie, d. h. ich mache hier die Schranken der Gegenwart und Vergangenheit nicht zu Schranken der Menschheit, der Zukunft, glaube vielmehr unerschütterlich, daß gar manches, jawohl gar manches, was den kurzsichtigen, kleinmütigen Praktikern heute für Phantasie, für nie realisierbare Idee, ja für bloße Schimäre gilt, schon morgen, d. h. im nächsten Jahrhundert – Jahrhunderte im Sinne des einzelnen Menschen sind Tage im Sinne und Leben der Menschheit – in voller Realität dastehen wird.
Rainer Maria Rilke schließlich dichtet in Das Lied des Selbstmörders: Halten sie mir den Löffel her, / diesen Löffel Leben. / Nein ich will und ich will nicht mehr, / laßt mich mich übergeben. [...] Andere nährt es, mich macht es krank; begreift, daß man's verschmäht. / Mindestens ein Jahrtausend lang /brauch ich jetzt Diät.
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