Die Wahrheit

Wo verdammt ist mein Exorzist?

Unter Feen, Thronies und Horrorpuppen: Zu Besuch auf der paradiesischen Kölner Fan-Messe „Comic Con Experience“.

Frau posiert mit einer bezopften Horrorpuppe

Paradiesbesucherin mit Plüschohren und Annabelle Foto: Wolfgang Weber

„Da ist Jaime! Da ist Jaime!“, tönte es durch die Kölner Comic-Messe „Comic Con Experience“ (CCXP), und zu meinem blanken Erstaunen kam dieser frenetische Ruf aus mir selbst heraus. Ich schaute mich um und zwickte mich in den Arm. Wachte oder träumte ich? Aber das war eigentlich völlig egal. Wenn es ein Traum war, war es einer der besten, die ich jemals hatte, und wenn es echt war, dann war ich absolut glücklich. Ich befand mich in einem Land, in dem zwar nicht Milch und Honig flossen, aber Bier und Freudentränen, denn sämtliche Nerd-Gelüste wurden hier im Überfluss befriedigt. Und während ich diese Zeilen schreibe, trage ich magische Plüschohren auf dem Kopf, doch dazu später.

Zurück zu Jaime: Meine Gedanken wabern gerade wellenartig mit irisierender Musik unterlegt zurück zu einem Abend in einem Bierlokal, in dem mir eine Freundin vor etwa sechs Monaten beim dritten Guinness gestand, dass das Beste, was sie in ihrem ganzen Leben jemals gesehen habe, „Game of Thrones“ sei. Ich hatte das Zeug bisher gemieden und wusste nur, dass ein Zwerg dabei mitspielte. Zuhause kaufte ich mir aber im Internet die erste Folge. Dann folgten noch viele Folgen und Staffeln, und ich gebe zu, dass ich es toll fand.

Und nun saß da in nur hundert Metern Entfernung einer der Hauptdarsteller, Jaime Lannister (aka Nikolaj Coster-Waldau), und gab Autogramme. Schnell wollte ich mich in die Schlange seiner Fans einreihen, doch eine gestrenge Dame hielt mich zurück und verwies mich an einen Ticketschalter, an dem ich für das Autogramm 99 Euro bezahlen sollte, und wenn ich auch noch ein Foto mit Jaime haben wollte, sollte das nochmal 99 Euro kosten. Das war mir dann doch zu teuer, und ich ließ mir die Preisliste zeigen, um zu gucken, ob es auf der Comic-Messe nicht ein paar billigere Stars gäbe. Tatsächlich gab es einen Chuck Palahniuk für nur 25 Euro, von dem ich aber noch nie gehört hatte.

Beste Droge aller Zeiten

Meine Aufmerksamkeit wurde auch abgelenkt von ein paar gigantischen Transformers, die mir ihre kalten, metallenen Pranken auf die Schultern legten, von Batman und Thor, von Elben und Hobbits, sogar Prinzessin Leia Organa und C-3PO waren leibhaftig vor Ort. Mir war, als hätte ich die besten Drogen aller Zeiten genommen, und vielleicht hatte ich das ja auch, das vermag ich heute nicht mehr mit Gewissheit zu sagen. Es war ein Paradies, das auf Erden nicht seinesgleichen findet.

Nach einer turbulenten Fahrt im Batmobil wollte ich mir schnell einen „Es“-Luftballon holen und mich in Hagrids Hütte ausruhen, doch plötzlich wurde mir klar, warum mich alle anderen Hulks und Spider-, Super- und Aquamen, Superwomen, Mad-Max-Ladies und Feen so irritiert ansahen: Ich hatte keine Ohren! Ohne richtige Ohren war ich in dieser bunten Zauberwelt ein Fremdling, doch Thor sei es gedankt, gepfiffen und gepriesen: Es gab in der Messehalle einen Stand, an dem Elben-, Hobbit- und Plüsch­ohren in jeder Farbe, Form und Größe verkauft wurden!

Magische Plüschohren

Nachdem ich mir die schönsten ausgesucht und aufgesteckt hatte, startete ich mit ganz neuem Selbstbewusstsein in ein Abenteuer, das ich ohne meine magischen Plüschohren niemals gewagt hätte. Denn schon lange hatte mein Unterbewusstsein wahrgenommen, dass es auf dieser Messe einen Ort gab, den ich fürchtete wie der Teufel das Weihwasser. Ich sage nur: Annabelle!!! Die grässliche Horrorpuppe mit dem irren Blick! Das Pendant zur Mörderpuppe „Chucky“ für Mädchen! Das fieseste Kinderzimmerinventar der Weltgeschichte!

Dieses entsetzliche Ding mit den aufgerissenen Augen thronte in ihrem quietschenden Schaukelstuhl und starrte mich an. Bisher hatte ich diesen Messestand großräumig umwandert, denn die abartige Puppe hat mir schon Albträume bereitet, als es sie noch gar nicht gab. Noch nie konnte ich Puppen ertragen, diese widerlichen Kreaturen mit steifen Gelenken, denen schon ein Blinder ansieht, dass sie von vorne bis hinten böse und besessen von Dämonen sind.

Genau das sagte ich auch einem Film-Team von Warner Brothers, das meine Abscheu und meine tiefsitzende Angst vor Annabelle mit Begeisterung zur Kenntnis nahm, mir das Scheusal in den Arm drückte und sogleich geifernd meine Panikattacke abfilmte. Wenn ich Pech habe, tauche ich bald als Witzfigur in irgendeinem Hollywoodfilm auf.

Und ich schwöre bei Gott, dass Annabelle tatsächlich verflucht ist: Seit ich das Ding auf dem Arm hatte – und das ist jetzt bald eine Woche her – habe ich ununterbrochen den Ohrwurm „Annabelle, ach Annabelle“ von Reinhard Mey im Kopf, und das ist kein Spaß. Ich werde einen Exorzisten brauchen, und den hol ich mir nächstes Jahr auf der CCXP, und wehe, dort gibt es dann keinen Dämonenaustreiber. Dann werde ich zum Horrorclown …

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