Die Wahrheit: Im Jahr des Hasen: Das Ende ist nah

Mein Leben in China wird immer anstrengender. Das liegt daran, dass die Chinesen immer stärker durchdrehen. Gut, nicht alle Chinesen...

... nur eine bestimmte Gruppe. Die hat sich einem neuen, absurden Wahn verschrieben, der im Internet zelebriert wird und der Tuangou heißt. Das könnte man mit "Gruppeneinkauf" übersetzen.

Das Tuangou-Phänomen trat erstmals vor rund fünf Jahren auf, als sich Menschen im Internet zusammenschlossen, um zusammen Produkte zu kaufen, die es bei Großhändlern viel günstiger, aber nur in großen Mengen gab.

Bald benutzte man seine Gruppeneinkaufskraft auch, um von Einzelhändlern hohe Rabatte zu erzwingen. Inzwischen hat sich die Szene professionalisiert. Heute kauft der Einzelne über Tuangou-Plattformen ein, die die Gruppen organisieren. Mehr als 800 Tuangou-Seiten soll es momentan in China geben.

Besonders hart für mich ist, dass auch meine bezaubernde Dolmetscherin beim Gruppeneinkaufswahn mitmacht. In unserer Wohnung stapelt sich inzwischen Zeugs aller Art, das sie im Internet gekauft hat, weil es so günstig war. Und täglich klingeln Lieferanten, die Bücher, Zeitschriften, Schuhkartons und T-Shirts abgeben.

Die Tuangou-Seite, die sie hauptsächlich frequentiert, macht ihr auch immer wieder maßgeschneiderte Angebote. In der Tuangou-Zentrale weiß man nämlich unter anderem, wo sich das Sprachgenie aufhält, weil man es über GPS und iPhone orten kann.

Das allein wäre eventuell noch nicht so schlimm. Aber wir müssen jetzt auch dauernd irgendwas unternehmen, weil es so preiswert ist. Permanent wird gegessen. Im Subway gegenüber gibts bei Gruppeneinkauf das Thunfischsandwich (plus Getränk) für die Hälfte, das koreanische Barbecue im Restaurant ist um ein Drittel günstiger, und das opulente Seafoodbuffet inklusive Austern und tonnenweise Sashimi kostet statt 238 nur 158 Steine.

Das geht auf die Dauer ins Gewicht. Da hilft selbst die per Tuangou erworbene Bauch-Weg-Massage nichts, der Saunabesuch zum Sparpreis oder die extrem billige Zahnsteinentfernung.

Okay, andere Aktivitäten sind nicht ganz so ungesund. Neulich waren wir im Kino und sahen uns für 29 Yuan (plus einem Becher Cola) statt für 80 Yuan (ohne Cola) den Film "Rise of the Planet of the Apes" an.

Immerhin hat mir der Film so gut gefallen, dass ich mir gleich noch einmal den ersten Film aus der "Planet der Affen"-Serie von 1968 ankuckte. Hier muss der von Charlton Heston gespielte Hauptdarsteller am Ende erkennen, dass er sich in einer fernen Zukunft befindet und der ihm zu Beginn des Films zunächst sehr fremde "Planet der Affen" in Wirklichkeit die gute, alte Erde ist.

Die Affen sind hier nur an der Macht, weil sich die menschliche Zivilisation bereits vor langer Zeit selbst vernichtet hatte. Der Film erzählt zwar nicht genau, weshalb die Menschheit unterging. Vermuten kann man allerdings, dass sie einem kollektiven Wahn zum Opfer fiel. Der kam wahrscheinlich aus China und hieß … ach, das müssen Sie sich jetzt selber denken.

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