Die Wahrheit: An der Blockstelle

Ein bemerkenswerter Abend in verschiedenen Dimensionen und mit einem kranken Blockstellenwärter im Obergeschoss.

Aus der Klavierdarbietung im Konzertcafé Klingenberger wurde nichts, weil der Pianist an Brahms irre geworden war. Liebenswürdigerweise lud uns die Tochter des Blockstellenwärters ein, damit wir an einem der nächsten Abende in der Blockstelle etwas Ähnliches wie Klaviermusik zu hören bekamen.

„Mein Vater kann leider nicht dabei sein“, informierte sie uns, als wir eintrafen, „er ist krank und muss oben das Bett hüten.“ Oben? Ich fragte mich, wo das sein sollte, denn im Obergeschoss war doch nur der Signalraum; Gott allein wusste, wo in diesem kleinen Gebäude diese Menschen eigentlich ihre Privatwohnung hatten. Gott wusste sicher auch, was der ganze Unsinn sollte, weshalb wir überhaupt lebten, weshalb es eine Welt und Naturgesetze gab und all das verrückte Zeug. Ich wusste das jedenfalls nicht, aber wer war ich schon! Also fragte ich gar nicht, sondern akzeptierte, dass der Blockstellenwärter oben krank im Bett lag. Mochte es unserer Gesundheit zugute kommen.

Die Tochter des Blockstellenwärters saß dann am Harmonium und spielte „Utopien und Autopannen“. An die Wand gelehnt wie alte Bretter, hörten wir zu – ach was, nicht einer lehnte an der Wand, wir saßen wie Affenweibchen in Korbsesseln.

Außer mir waren dabei: Ein der Bahn nahestehender Mann, der im selben Hotel wohnte wie ich, einige Leute, die ich nicht kannte, der Zugschaffner und die verkohlte Leiche, die ich nach meiner Ankunft in einer Baumkrone herumlungern gesehen hatte und die sich jetzt als witziger und geistreicher Gesellschafter erwies. Sie erzählte irgendwann eine Anekdote mit dem Titel „Die Kalabrität des Himmels“, doch erwartungsgemäß vergaß ich alles. Beruhigend fand ich, dass niemand zu singen anfing. Zum Glück hielt auch niemand einen Vortrag über Leuchtkörper, obwohl ich für meine Person Leuchtkörper, insonderheit verbotene Glühlampen, innigst liebe.

Durften wir so laut sprechen, schlucken und lachen, wenn doch der Blockstellenwärter krank war und uns sicherlich hörte? „Er hört uns nicht“, beruhigte seine Tochter die Anwesenden, „unsere Dimension und seine sind so verschieden wie das Huhn und dessen Zwillingsschwester.“ Mir kam das gar nicht so verschieden vor, doch behielt ich meine Meinung für mich.

Der Schaffner wusste, dass der Blockstellenwärter einmal einen Aufsatz zum Thema „Meine Wandlung zum Stellwerk“ hatte schreiben sollen und dass ihm dann nichts eingefallen sei. Zwischendurch fragte mich jemand: „Ist es 14 Uhr?“, und ich antwortete: „Weder noch.“

Alle erzählten irgendetwas, es hatte aber alles keinen Zweck. Als die Reihe an mir war, wurde es peinlich, denn immer wenn ich betrunken bin, will ich meine Familiengeschichte schreiben.

„Ich bin so leer“, gestand ich der Tochter des Blockstellenwärters, als sie mich später im dunklen Treppenhaus mit den besten Absichten an die Wand drückte. Ich wollte sie küssen, hatte aber keine Ahnung, wie so etwas ging, deshalb warf ich Dinge zu Boden. Das konnte ich immerhin. Es gab mir das Gefühl, jünger zu sein.

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