Diana zur Löwen im Interview: Die politische Influencerin

Diana zur Löwen, 24, wurde zum Star bei Instagram mit Sex-, Flirt- und Partytipps. Dann entdeckte sie Fridays for Future. Und nun?

»Meine Definition von Mündigkeit ist, dass man selbst die Verantwortung für sich hat und konsequent danach handelt«: Diana zur Löwen Bild: Anja Weber

Diana zur Löwen schrieb taz FUTURZWEI-Herausgeber Harald Welzer eine E-Mail, um ihn für ein Gespräch auf Ihrem YouTube-Kanal über die Corona-Krise und die dadurch entstehenden Veränderungen zu bewegen. Welzer sagte sofort zu. Mit der Bitte, dass er anschließend sie interviewen könne.

Die Frau:

Eine der erfolgreichsten Influencerinnen Deutschlands. 1995 geboren und aufgewachsen in Gießen. Abgeschlossenes BWL-Studium an der Uni Köln, Abschlussarbeit: Erfolgskriterien bei der Produktplatzierung auf YouTube. Lebt in Berlin.

 

Das Werk:

YouTube-Kanal Diana zur Löwen (641.000 Abonnenten).

Spotify-Podcasts: …und sonst so? und von und zur hören

Instagram @dianazurloewen (853.000 Abonnenten).

taz FUTURZWEI: Vor einiger Zeit hat bei Ihnen ein Politisierungsprozess eingesetzt. Was war der Auslöser, Frau zur Löwen?

DIANA ZUR LÖWEN: Das hatte sehr stark mit Fridays for Future zu tun. Dass da junge Menschen raus auf die Straße gegangen sind, die nochmal um einiges jünger sind als ich – ich bin jetzt 24 Jahre alt. Der zweite Punkt war, dass immer mehr geschieht, bei dem junge Menschen merken, dass das direkt ihren Alltag betrifft.

Was genau?

Das fing im Frühjahr 2019 an mit der Debatte um den Artikel 13 beim Europäischen Parlament ...

... die EU-Urheberrechtsreform ...

... gegen die es viele Demonstrationen gab, und ging weiter mit den Europawahlen. Das war schon sehr einschneidend und hat uns junge Leute so ein bisschen zusammengeschweißt, weil man da gemerkt hat: Wir müssen lauter werden, weil die Politiker sonst nicht auf uns hören. Und da hat man auch gemerkt, dass man einen gewissen Einfluss haben kann, gerade über die digitalen und sozialen Medien, wenn man Themen aufgreift, mit seinen Followern diskutiert und die Ergebnisse dann in den Bundestag schickt.

Wo genau haben Sie das gemerkt?

Ein Beispiel, was ich spannend finde, ist die Periodensteuer, also dass die Mehrwertsteuer für Tampons und so weiter abgesenkt wurde. Hätte es da nicht Social Media gegeben, dann wäre dieses Gesetz nicht geändert worden.

Haben Sie mit Fridays for Future enger zu tun?

Mit Luisa Neubauer bin ich immer mal im Austausch oder auch mit anderen Influencern, die FFF stark unterstützen. Und ich gehe natürlich demonstrieren und versuche, so nachhaltig zu leben, wie es mir möglich ist.

Sie waren bereits vor Ihrer Politisierung eine sehr erfolgreiche Influencerin. Wie muss man sich den Unterschied zwischen vorher/nachher vorstellen?

Früher war Social Media für mich eine Plattform der Selbstdarstellung. Aber ich bin eben auch Generation Y, also immer auf Sinnsuche mit der Frage, wie kann man etwas beitragen zur Gesellschaft. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich eine Verantwortung habe und auch wirklich was bewegen kann. Da habe ich mir gesagt: Okay, es gibt bestimmte Dinge, über die ich selbst auch noch gar nicht so viel weiß und ich kann bei meinem eigenen Lernprozess meine Zuschauer einfach mitnehmen.

Was genau haben Sie verstanden, was Ihnen vorher nicht klar war?

Ich glaube, ich musste verstehen, dass Politik Gesetze macht und verändert – und dass das im Leben von jedem Einzelnen eine Rolle spielt und so ein Leben verändern kann. Und dass in der Demokratie wirklich jeder die Möglichkeit hat, etwas beizutragen und auch zu verändern. Dann muss jeder sein Thema finden. Und schauen, wie er sich so vernetzt, dass er das vorantreiben kann, sei es Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung oder auch Steuerpolitik.

Wie hat die Politisierung Ihre konkrete Arbeit verändert?

Ich habe erst mal versucht, auf simpelste Weise die EU zu verstehen. Das ist eine andere Ebene, als das vielleicht Journalisten machen würden. Vor ungefähr fünf Jahren hatte ich mal die Möglichkeit, Jean-Claude Juncker zu interviewen und ich weiß noch genau, dass ich davor dachte: Wer? Und warum ist der wichtig?

»Früher war Social Media für mich Selbstdarstellung«: Diana zur Löwen in Berlin Bild: Anja Weber

Juncker war bis 2019 Präsident der EU-Kommission.

Ja. Das ist eigentlich traurig, dass ich damals überhaupt nicht die Relevanz der EU und der Kommission gesehen habe und warum Juncker irgendwie eine spannende Persönlichkeit ist. Das gab mir zu denken, da es nicht nur mir so gehen wird, sondern auch vielen anderen. In den letzten Jahren habe ich mich einfach immer mehr damit auseinandergesetzt, und heute gehört die EU auf jeden Fall in meine Routine. Wenn ich morgens aufstehe, höre ich immer Nachrichten und versuche, Ansätze zu entwickeln, wie ich das weitergeben kann, weil viele ja doch immer noch in ihrer Bubble leben.

Wie genau merken Sie das?

Was mich total schockiert hat, gerade in der Corona-Zeit: dass Leute Sprachnachrichten mehr Glauben schenken als den etablierten Medien. Das zeigt mir, dass da noch viel getan werden muss, damit Leute einer Tagesschau doch mehr vertrauen als dem Bekannten einer Bekannten.

Sie haben gesagt, dass Ihre Politisierung auch mit Fridays for Future zu tun habe. Aber die Bewegung ist ja nicht vom Himmel gefallen, weil Greta Thunberg sich mit ihrem Schild vor das schwedische Parlament gesetzt hat. Sondern da muss es so ein »Wir sind jetzt ganz anders gefordert«-Gefühl gegeben haben. Wie sehen Sie das?

Zwiespältig. Ich habe Freunde in meinem Alter, die sich total für Politik interessieren und die da viel vorantreiben wollen. Und andere Freunde blenden das immer noch aus. Deswegen finde ich es schwer, für alle zu sprechen, weil sich das einfach in verschiedenen Blasen abspielt. Früher gab es das Fernsehen und die Zeitung, die jeder gelesen hat. Heute bin ich ja verantwortlich für meinen Informationskonsum. Wenn ich nur AfD-Politikern folgen würde, würde ich ja auch ganz andere Sachen wissen, als wenn ich der Tagesschau und der taz folge. Je nachdem, welchen Content man erhält, so wird man gepolt.

Wie viele Follower haben Sie, Frau zur Löwen?

Über 800.000 auf Instagram zum Beispiel.

Sie haben denen mal erzählt, dass Sie gerade mit meinem Buch Wir sind die Mehrheit im Park seien.

Ja, stimmt.

Dann kriegte ich das vom Verlag zugeschickt mit dem Satz: Hier, guck mal, da postet das jemand. Das fanden die Verlagsleute lustig, aber nicht mehr. Dann sagte mein Sohn, nimm das mal ernst, die hat 650.000 Follower. Daraufhin sind sie im Verlag erstmals darauf gekommen, sich das anzugucken, was da bei den Influencern so los ist. Das war ein richtiger Aha-Effekt. Da merkt man, Stichwort Blasen, dass wir noch in vollkommen unabhängig voneinander kommunizierenden Szenen leben. Wenn Sie über 800.000 Menschen direkt adressieren können, sind Sie ja weit dichter dran als viele konventionelle Medien. Der Spiegel ist weder so punktgenau wie Sie noch so direkt. Das ist eine unglaubliche Gewichtsverschiebung. Das bedeutet aber auch Verantwortung?

Ja total. Das ist auch immer eine Gefahr. Ich glaube, es gibt auch viele Influencer, die sich nicht politisch äußern, weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Ich finde, man kann auch von niemandem verlangen, dass er seine Zuschauer aufklären muss über die politische Lage. Ich habe zum Beispiel vor den Europawahlen viel mit dem Europäischen Parlament zusammengearbeitet, um zuverlässige Informationen zu haben. Bei Debatten ist das schwieriger, dem muss man sich dann auch stellen. Ich habe zum Thema Mundschutz gesagt, dass ich das wichtig finde. Dann kommen natürlich Beleidigungen, dass man dumm sei, so etwas zu erzählen.

Wie gehen Sie damit um?

Irgendwann steht man wirklich ein bisschen drüber. Das finde ich auch wichtig, dass man lernt, eine Meinung zu haben und dafür einzustehen.

Nicht ganz einfach?

Ich lerne da immer noch. Ich habe letztes Jahr einen Tag lang den CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor begleitet ...

Ein sehr konservativer 27-Jähriger.

Man kann von Philipp Amthor halten, was man will, aber er ist altersmäßig eben näher an meiner Zielgruppe dran als andere. Und das war sehr lustig. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass es gar nicht einfach ist, argumentativ gegen diesen Politikersprech anzukommen. Aber trotzdem fand ich das spannend für meine Zuschauer. Sie sollten einfach mal sehen, wie so ein Politiker eigentlich arbeitet. Ich bin nicht die Tagesschau. Aber ich versuche, Impulse zu setzen.

Dieser Beitrag ist in

taz FUTURZWEI N°13 erschienen

Sie sagten, das sei auch ein persönlicher Lernprozess?

Total. Deswegen versuche ich auch immer, Alltagsthemen zu nehmen. Damit habe ich einen Einstieg, dass Leute sich damit auseinandersetzen können und wollen. Und ich selbst lerne immer was dazu.

Wie gehen Ihre Follower eigentlich mit Ihrer Entwicklung mit – finden die das doof oder finden die das super?

Die sind eigentlich sehr dankbar dafür. Ich glaube, vielen ging es ähnlich wie mir, dass man so leicht versunken in seiner eigenen Social-Media-Bubble war. Wenn man nur Fashion-Bloggern auf Instagram folgt und keinen Fernseher besitzt, kein Radio hört und sich nicht freiwillig eine Zeitung kauft, dann weiß man, wann die nächste Fashion Week ist, aber nicht, wann die nächsten Wahlen sind. Deswegen freuen die sich schon immer, wenn ich Themen aufgreife wie die Periodensteuer. Das ist kein leichtes Thema. Aber die Zuschauer merken auch: Krass, jetzt sind die Produkte günstiger! Manche haben mir dann auch noch Bilder davon geschickt, als sie das dann gesehen haben: Ja cool, dass wir das geschafft haben! Wenn dieses Gefühl da ist, dass man selbst etwas beitragen kann: Dann sieht man den Sinn dahinter und ist motivierter etwas zu bewegen.

Kriegen Sie nicht auch Kritik für politische Beiträge? Was soll denn das?

Ja, schon. Aber ich bin ja wie so eine Art Freundin für meine Zuschauer, weil die ja mit mir erwachsen geworden sind. Daher ist es eigentlich immer eine sehr höfliche Ebene, auf der man miteinander spricht. Und wenn man bei manchen Punkten eine andere Meinung hat, heißt das ja nicht, dass man das schlecht findet, was der andere sagt.

Ihre Leute sind treu. Kann man das so sagen?

Kann man schon sagen. Natürlich haben sich auch manche abgewandt, weil die das dann nicht mehr so cool fanden. Aber viele kommen neu dazu oder bleiben halt wirklich, sodass sie mit mir erwachsen werden und mir das auch mitteilen: Wegen dir habe ich jetzt auch angefangen, jeden Morgen die Tagesschau zu sehen oder Nachrichten zu hören. Das ist immer total schön, so etwas zu lesen.

Das ist ja nochmal mehr Verantwortung.

Klar. Ich finde es aber auch nicht schlimm, über Kosmetik und Hautpflege zu reden, weil es ja auch Themen sind, die einen als junge Frau bewegen. Ich versuche immer, so eine Balance zu halten.

Der Influencer-Erweckungsmoment für Normalos war ein Webvideo des Webvideoproduzenten Rezo mit dem Titel: Die Zerstörung der CDU vor der angesprochenen EU-Wahl. Ein medialer Super-GAU für die CDU und auch für die SPD, durch den diese Parteien erst merkten: Aha, da gibt es noch so eine ganz andere, uns verborgene Welt? Direkt nach Rezo kam ein zweites Video von 60 anderen Influencerinnen und Influencern. Sie waren auch dabei. Wie hat man die 60 so schnell zusammengekriegt?

Wir sind alle sehr gut untereinander vernetzt. Entweder in WhatsApp-Gruppen, wo wir uns austauschen über die verschiedensten Themen, oder in den anderen sozialen Kanälen. Das funktioniert echt gut, dass man sich gegenseitig unterstützt. Da haben wir zum Glück nicht so ein Konkurrenzdenken, da sind wir eigentlich sehr kollegial.

Wirklich?

Ja. Wenn ich bestimmte Inhalte aufgreifen will, bekomme ich entweder ganz leicht von meinen Kollegen dazu Support – oder auch von Politikern. Zum Beispiel bin ich mit dem grünen EU-Abgeordneten Erik Marquardt im Austausch. Wenn der auf Lesbos ist, schickt er mir Infos, was in den Flüchtlingscamps vor sich geht.

Weil er weiß, dass Sie wichtig sind?

Das würde ich nicht sagen, es geht einfach darum, sich auf dem Laufenden zu halten und wichtige Themen aus erster Hand zu erfahren, um dies teilen zu können. Was ich mit der Information dann mache, ist am Ende mir überlassen. Jedenfalls habe ich einen superleichten Zugang durch meine Reichweite, was natürlich auch gefährlich sein kann, wenn jetzt vielleicht Politiker nur noch Influencer ernst nehmen und nicht mehr die klassischen Medien. Aber es kann auch gut sein, um dieses Thema nochmal einem ganz anderen Publikum zu präsentieren.

Was erzählen Sie Ihren Followern über die Lage auf Lesbos in der Corona-Zeit?

Bild: Anja Weber

Ich erzähle, was da gerade passiert, dass einfach so viele Menschen auf so engem Raum dort leben müssen. Dass die Menschen keine Möglichkeit haben, medizinisch versorgt zu werden, wenn das Virus da ankommt, was natürlich grausam ist. Dass es auch die EU einfach nicht schafft, diesen Menschen ein Dach über dem Kopf zu geben. Das ist schlimm. Das sollte man auch den Leuten aufzeigen und dadurch auch irgendwie Druck ausüben auf die Politik. Deswegen finde ich es wichtig, solche Themen zu verstehen und dafür meine Reichweite herzugeben.

Ein zentrales Thema dieses Heftes ist Mündigkeit. Können Sie mit diesem Begriff was anfangen?

Ich würde Mündigkeit so definieren, dass man selbst die eigene Verantwortung für sich hat und auch konsequent danach handelt. Unmündig wäre, wenn man nicht selbst oder eigenständig entscheiden darf, weil andere Mächte für einen entscheiden. So wie wir das in der Corona-Krise haben: Dass die Regierung uns vorgibt, mit wie viel Leuten wir rausgehen dürfen.

Wie finden Ihre Follower das?

Vor einer Woche konnte ich für einen Livestream den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet interviewen und hab meine Zuschauer vorher gefragt, was sie von ihm wissen wollen. Ganz viele haben gesagt: Ja, warum greift er bei den Ausgangssperren nicht härter durch? Interessant, dass viele Leute in dieser Situation ihre Freiheit sogar noch mehr einschränken wollen für die Sicherheit.

Was ist mit der Tracing-App?

So eine App, das wollen sie dann wieder nicht. Das ist auch ganz spannend, wie das gerade so ein bisschen verschwimmt. Schwierige Sache mit der Mündigkeit.

Wie geht das nun weiter mit Ihrer Politisierung?

Ein Grund, weshalb ich nach Berlin gegangen bin, ist natürlich, dass man hier näher an der Quelle ist bei allem, was im Bereich Politik passiert. Ich werde zu den kommenden Bundestagswahlen vermehrt Inhalte machen und versuchen, das so ein bisschen kreativer umzusetzen. Und ich bilde mich selbst weiter.

Akademisch?

Ja. Ich habe BWL studiert, ganz klassisch und mach jetzt gerade noch an der Uni Cambridge einen Kurs in Sustainability Leadership. Das ist auch super spannend, weil ich auch mit vielen Unternehmen zusammenarbeite und denen mehr mit auf den Weg geben kann, wie man nachhaltiger werden kann. Ich kann mir schon vorstellen, genau diese Dinge weiter voranzutreiben. Man kann schlecht planen, wie es jetzt in fünf Jahren aussieht. Aber dadurch, dass ich seit zehn Jahren Dinge ins Internet stelle, werde ich das schon auch weiterhin tun.

In der Corona-Krise werden Dinge sichtbar, die wir normalerweise vielleicht auch sehen, aber nur so im Augenwinkel. Nehmen Sie das auch so wahr?

Was ich zum Beispiel total spannend finde: Wie man gerade sehen kann, dass Kinder nicht alles nur in der Schule von einem dort verfügbaren Lehrer lernen müssen, sondern dass man das auch digitaler machen kann. Ein Bekannter von mir hat hier in Berlin die Code University gegründet, sie setzen viel auf das Thema lebenslanges Lernen. Sie sagen: Warum sollen wir denn hier einen Lehrer haben, der ein bestimmtes Thema erklärt, wenn einer in Oxford das viel besser macht und das online verfügbar ist? Das finde ich spannend, dass man jetzt merkt, die Bildung kann sich verändern und genauso auch die Arbeit. So viele von den Leuten, mit denen ich jetzt geredet habe, haben gesagt: Ich dachte nicht, dass Homeoffice so gut funktioniert. Und wenn man auf die Umwelt guckt, dann merkt man ja schon: Wenn jeder einfach mal doch einen Tag die Woche zu Hause bleiben würde, bringt das auf die Masse gesehen ganz schön viel an Einsparung von Mobilität.

Wird das bleiben oder im business as usual verschwinden?

Ich glaube, das viele Leute, die immer von A nach B geflogen sind, sagen werden: Moment mal, in der Corona-Zeit haben wir das auch virtuell geschafft. Das Gefühl ist spürbar: Eigentlich können wir diese digitalen Chancen, die wir haben, mehr ausreizen. Vielleicht lernen die Leute auch, ihre Zeit anders zu nutzen. Ich bin Generation »keine Langeweile«. Früher hatte man halt Langeweile, wenn man nicht wusste, was man machen soll. Heute aktualisiert man einfach seinen Instagram-Feed oder sein YouTube und guckt sich dann wieder den nächsten Inhalt an. Sich damit auseinanderzusetzen, wie man die Zeit eigentlich anders nutzen kann als dieses: Ich scrolle von Bildschirm zu Bildschirm – das ist auch was, das jetzt ansteht.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Welt – richtig gut? Und was ist da richtig gut?

Ich bin eigentlich schon immer ein sehr optimistischer Mensch. Das gibt mir viel Kraft, dass ich immer versuche, in allem das Gute zu sehen, eigentlich auch bei Politikern und anderen Menschen. Ich würde ja auch nicht von mir selbst sagen, ich bin ein schlechter Mensch. Ich glaube, das würde kein Mensch sagen.

Die meisten nicht.

Das gibt mir viel Hoffnung, dass Veränderung passieren kann. Ich glaube, jetzt merkt man eigentlich gerade erst, was wir alles für selbstverständlich genommen haben, angefangen beim Reisen. Wir hatten ja nie Grenzen, wir konnten überall hinreisen. Jetzt ist wirklich das Highlight des Tages, wenn man in den Supermarkt gehen kann. Hier in Berlin-Mitte sind alle so richtig aufgestylt, wenn sie in den Rewe gehen.

Interview: HARALD WELZER