Der digitale Dancefloor: Was kommt als Nächstes?

taz lab-DJ Ulrich Gutmair über die Kunst, sein Publikum auf der Tanzfläche zu halten

Silhouetten von tanzenden Menschen in einem Club

Ob im Berghain oder auf dem taz lab: Ein DJ muss die Stimmung des Publikums lesen können Foto: Alexander Popov/Unsplash

Von ULRICH GUTMAIR

Es gibt DJs, und es gibt DJs. Die einen wurden seit Techno und Love Parade zu Superstars. Die anderen legen auf Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, in Kneipen und auf dem taz lab auf. Letztere surfen quer durch die Jahrzehnte, über die Grenzen von Stilrichtungen hinweg. Schamaninnen sind beide. Sie sind da, damit die Leute tanzen, und sorgen idealerweise für einen Moment kollektiver Ekstase.

Als DJ der zweiten Kategorie glaube ich daran, dass unsere Aufgabe schwerer zu erfüllen ist als die der Starkolleginnen aus den Clubs: Wir haben es mit einem heterogenen Publikum zu tun. Es setzt sich aus Menschen mehrerer Generationen zusammen, die sehr unterschiedliche Ideen davon haben, was gute Musik, und vor allem, was gute Tanzmusik ist.

Da kann es zu lustigen Missverständnissen kommen. Einmal legte ich zum Abschlusstanz eines taz labs auf und spielte, um die Sache in Gang zu bringen, ein Stück von Rod Stewart, „Da ya think I’m sexy?“ Das ist ein schöner und lustiger Song, wenn auch ein bisschen zu langsam. Ein taz-Genosse beschwerte sich prompt: Wir seien hier doch nicht auf einer Kreuzfahrt. Als DJ sollte man keine Abneigung gegen wahre Popsongs haben, also tanzbare Lieder, die jede kennt.

Sie animieren auch Leute, die selten tanzen, dazu, sich zu den anderen ins Gewühl zu stürzen, weil sie Erlebnisse und Gefühle damit verbinden. Nur Hits zu spielen, langweilt den Dancefloor aber schnell und den DJ natürlich auch, dem man außerdem sofort anmerkt, dass er das betreibt, was man im digitalen Journalismus „Click­baiting“ nennt, das Auswerfen von Ködern. Der Tänzer will wie die Leserin ernst genommen werden.

Die Menschen auf der Tanzfläche sind wie Fähnchen im Wind

Musik für Tanzende aufzulegen ist nervenaufreibend. Es kann passieren, dass eine langsam aufgebaute gute Stimmung durch ein falsch gewähltes Stück in Enttäuschung umschlägt und sich der eben noch volle Dancefloor innerhalb von Sekunden lehrt.

Das ist für den DJ der größte Horror. Daher stellt sich bei jedem Lied erneut die existenzielle Frage: Was kommt als Nächstes? Grundsätzlich ist es erfolgversprechend, tendenziell in der Stimmung zu bleiben, die gerade vorherrscht, und peu à peu schneller, euphorischer und wilder zu werden.

Irgendwann endet aber jeder Weg. Dann wirken harte Brüche Wunder, nach einer Discorunde den Schalter umzulegen und harte Gitarrenmusik zu spielen. Gewagte Entscheidungen werden belohnt, wenn sie zur rechten Zeit getroffen werden. Wie kann ich wissen, dass es so weit ist?

Man muss intuitiv den Dancefloor lesen können, beobachten, wie die Leute auf die Musik reagieren. Da ist von Vorteil, wenn man selbst gern tanzt. Ein guter Tanzabend hat einen großen und mehrere kleine Spannungsbögen, und es gibt grundsätzlich keine Musik, die man nicht spielen könnte. Wenn der Moment dafür gekommen ist, geht auch Motörhead.

Zwei DJs in (Dis-)Harmonie?

Ich bevorzuge es, Pingpong zu spielen, ein freundliches DJ-Battle zu führen. Legen zwei Menschen abwechselnd auf, multiplizieren sich nach jedem Stück die Möglichkeiten, wie die Reise weitergeht. Ein gutes DJ-Duo hat leicht unterschiedliche Präferenzen, aber ein ähnliches Verständnis davon, was gute Tanzmusik ist.

Zugleich stellen sich sportliche Herausforderungen: Kann ich das Lied meiner Partnerin, das von den Tanzenden gut aufgenommen wurde, noch toppen? Oder denke ich, dass die Richtung eigentlich nicht stimmt und versuche das Ruder herumzureißen?

So oder so ist die Aufgabe des DJs, dass sich die Leute befreit in den Tanz und die Musik hineinfallen lassen. Wenn das passiert, ist der DJ ein glücklicher Mensch.

Ab 19 Uhr legen Ulrich Gutmair und Sarah Diehl auf der virtuellen taz lab Party im Mainstream auf. Das Gesamtprogramm des taz lab finden Sie hier.