Der Online-Mediendienst DWDL

Toms Revier

Als Schüler startete Thomas Lückerath DWDL, 12 Jahre später hat es eine Million Visits. Lückeraths Nähe zur Branche ist sein Kapital – birgt aber Risiken.

Allgegenwärtig, auf dem Screen und davor: Thomas Lückerath beim Medienforum NRW im Juni 2013. Bild: Imago/Horst Galuschka

KÖLN taz | Manchmal muss Thomas Lückerath um die halbe Welt reisen, damit es mit einem Interview klappt. So wie am Anfang dieser Woche: Anke Schäferkordt, Chefin der RTL-Sendergruppe, wurde mit einem der wichtigsten Fernsehpreise der Welt ausgezeichnet. Boxer Wladimir Klitschko kniete vor ihr nieder und überreichte einen Emmy – für Schäferkordts Engagement in der TV-Branche, die auch ihn groß rausgebracht hat. Das war in New York, und Lückerath war für DWDL dabei.

Im Gespräch am Rande der Gala sagte Schäferkordt im Wesentlichen bloß, dass sie vorerst keine deutsche Antwort auf den boomenden US-Videodienst Netflix liefern werde. Das Gespräch sei Lückerath trotzdem viel wert, sagt er, denn allzu oft komme es nicht dazu.

Das liegt auch an einer kleinen Fotomontage: Als sich der Neubau der RTL-Zentrale am Kölner Messegelände vor einigen Jahren hinzog, hatte Lückerath der Figur „Bob der Baumeister“, der ausgerechnet bei SuperRTL herumwerkelt, den quietschgelben Helm gemopst und auf den Kopf der Fernsehmanagerin platziert. „Witzig fand sie das nicht“, sagt er.

Die Medienbranche mit all ihren Zimperlichkeiten ist Lückeraths Revier. Ende 2001 legte er los, Lückerath, der Oberstufenschüler, der vor allem in eines verknallt war: ins Fernsehen. Er konnte nicht genug Branchentratsch inhalieren, und im Netz fand sich davon für seinen Geschmack einfach viel zu wenig. Fachdienste erschienen damals meist noch auf Papier. Als modern galt da das Angebot des Kress-Reports: Abends um 17 Uhr aktualisierte sich der Internetauftritt. Tempo? Fehlanzeige!

„Wir haben also einfach damit angefangen, die Mitteilungen der Sender ins Netz zu stellen, wenn sie kamen“, erinnert sich Lückerath. „Damals waren wir froh, wenn das 50 Leute am Tag sahen.“ Heute kommt sein DWDL monatlich auf mehr als eine Million Besuche. Etwa ein Viertel davon kommt via Google – TV-Fans statt Fachpublikum. Denn DWDL richtet sich an alle, die so ticken wie das Portal, das inzwischen mit „Wir lieben Fernsehen“ für sich wirbt.

Wer hat Michael Hastings getötet? Er war ein manischer Reporter, berichtete für US-Magazine aus Afghanistan und Irak. Ein US-General stürzte über seine Enthüllungen. Als er an einem Portrait des CIA-Chefs arbeitet, rast sein Mercedes gegen einen Baum und explodiert. Ein Zufall? Die ganze Geschichte lesen Sie in der taz.am wochenende vom 30. November 2013 . Darin außerdem: Eine Reportage darüber, wie die SPD sich nach der Koalitionsentscheidung häutet. Und ein Gspräch mit Klaus Biesenbach, dem Kurator der großen Schlingensief-Retrospektive in berlin. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Anfänglich quälte sich Lückerath noch nach Duisburg zum Studium. „Aber wenn man in einer Soziologievorlesung sitzt und der RTL2-Sprecher anruft, weil er einem vorab Informationen zur neuen Big-Brother-Staffel geben möchte, dann muss man sich entscheiden, ob man weiter studieren oder ein Medienmagazin machen möchte.“

Heute ist Lückerath 31 und noch immer Geschäftsführer und Chefredakteur von DWDL in Personalunion. Wer ihn besucht, den führt es in das Dachgeschoss eines Kölner Wohnhauses – unten ein Friseur, oben ein kleiner Haufen TV-Freaks: Für Lückerath arbeiten zwei Redakteure und zwei Mitarbeiterinnen, die Werbeplätze verkaufen und die Bücher führen. Aus dem Spaßprojekt DWDL wurde eine klassische GmbH, die teils auch Investoren anlockte und wachsen konnte, während viele klassische Print-Branchenmagazine zunehmend unter Druck gerieten.

Das Geschäft läuft, sagt Lückerath. Was unterm Strich übrig bleibe, investiere er lieber. Reisen nach New York gehörten dazu, ebenso Jahr für Jahr ein Betriebsausflug nach London, Besuche der Fernsehmesse in Cannes und der Oscar-Verleihungen in Los Angeles – meist zu zweit. „Die Kollegen sollen Spaß haben“, sagt Lückerath. Er ist gern Chef und gibt sich spendabel. Nur reich werde damit keiner.

Abhängigkeit und Fantum

Das Portal, das frei im Netz steht und sich inzwischen auch regelmäßig um Zeitschriften und Zeitungen kümmert, hängt letztlich direkt am Tropf der Medien, über die es berichtet. Werbung schalten vor allem Fernsehsender. Hinzu kommt: Hier schreiben Fans über die Branche. Beides zusammen – Abhängigkeit und Fantum – ergibt eine heikle Mischung, Stichwort: Distanz. Solche Bedenken unterfüttern die DWDLer mit Einträgen in sozialen Netzwerken. Sie machen keinen Hehl daraus, dass sie gern die Senderfeten besuchen.

Frage also an Lückerath: Sie sind schon ziemlich gern Teil dieses Business, oder? „Ja, aber diese Partys sind nicht dazu da, um uns kostenlos zu betrinken“, sagt er. „Wir bekommen da unsere Informationen her.“ Am Ende meldet DWDL dann schon mal exklusiv, dass Thomas Gottschalk bei RTL aufschlägt – andere schreiben ab. So ist es nicht mehr nur Bild, die mit Promi-Schlagzeilen punktet. In den Sendern ist das für manch einen eine Genugtuung, von der Lückerath profitiert. Er wird versorgt und ist ohnehin teils mit Sendersprechern eng befreundet.

Seit fünf Jahren hat Lückerath auch eine direkte Konkurrenz. Ein einstiger deutscher Verlagsmanager rief Meedia ins Leben ebenfalls eine Neugründung, für die Leser ebenfalls kostenlos, und wie DWDL setzte auch der neue Dienst darauf, die TV-Quoten detailliert auszuwerten. Wirklich zugesetzt scheint der Wettbewerber aus Hamburg, der unlängst vom Handelsblatt übernommen wurde, den Etablierten aus Köln aber nicht zu haben: Lückeraths kleine Unternehmung wuchs beständig weiter.

Unabhängigkeit schafft ihm eine Stellenbörse, vor allem für die Bewegtbildbranche. 40 Prozent aller Werbeumsätze generiere er DWDL damit. Hinzu kommt Spezielles im Speziellen: regelmäßige Berichte aus der Welt des Sportfernsehens ebenso wie aus dem TV-Markt USA. Was in Zeitungen Beilagen sind, sind für DWDL diese Seiten. Sie schaffen ein sehr besonderes Werbeumfeld. Das funktioniert, sagt Lückerath.

Auf Expansionskurs

In diesem Sommer ging schließlich die Expansion weiter, diesmal inhaltlich. Lückerath warb Torsten Zarges vom Kress-Report ab. Zarges, gut vernetzt bei TV-Managern, firmiert nun als „Chefreporter“. Gleichzeitig verpflichtete Lückerath Medienkritiker Hans Hoff, der bei Programmmachern hoch geschätzt ist, weil seine Kritik wie kaum eine andere trifft. Keilt er in „Das Hoff zum Sonntag“ gegen eine Produktion wie „Helden“ („Der schlechteste Film aller RTL-Zeiten“), zählt DWDL gut 60.000 Abrufe.

Rastlos, wie er ist, plant Lückerath bereits das nächste Ding. Noch bevor es am Rheinufer wieder grün wird, will er mit seinen Leuten umziehen – ein paar Häuser weiter, näher an den Mediapark. Thomas Lückerath braucht Platz für weitere Kollegen, er will auf den internationalen Markt und plant ein DWDL auf Englisch, erstmals nur für Abonnenten. „Wir sind nicht größenwahnsinnig und werden auch keinem englischsprachigen Portal Konkurrenz machen“, sagt er. „Wir wollen nur über das berichten, was hier passiert.“

Hollywood und Co. sollen also schon bald von DWDL erfahren, wie ihre Filme, Serien und Show-Konzepte auf dem größten europäischen Medienmarkt ankommen. Lückerath will ihnen dabei auch erklären, wie dieser deutsche Markt tickt, warum etwa die „Tagesschau“ trotz ihrer Anmutung noch immer funktioniert und warum die Primetime – international völlig untypisch – um 20.15 Uhr beginnt.

Eine Besonderheit will Lückerath aber auch dann für sich behalten: wofür eigentlich dieses „DWDL“ steht. Die Frage hat ihm so gut gefallen, dass er sie in den ersten Jahren seinen Gesprächspartnern einfach bei jedem Interview gestellt hat. Vielen war das zu albern, manch einer hatte eine Idee, etwa „Das willst du lesen“, treffend war letztlich nur eine Antwort: „Das weiß der Lückerath.“

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