Der Fortsetzungsroman: Kapitel 5: Jenny

Was bisher geschah: Die Expedition vom Planeten Blip hat einen Kopierer requiriert. Und einen Schredder.

Mist: Diese tolle Camera wurde Jenny geklaut. Was soll sie nur tun? Bild: dpa

Alles war so schlimm, wie Jenny es befürchtet hatte. Als sie um halb vier den Hausflur betrat, hatte sie schon ein komisches Gefühl, und das lag nicht an den fünf (oder waren es acht) Cocktails mit den klangvollen Namen Burlesque und Nervenflattern. Sie konnte so schlecht nein sagen, gerade während der Happy Hour. Es war wieder mal viel zu spät geworden mit Silke, Luna und Romy. Auf dem Treppenabsatz sah sie die angelehnte Tür zu ihrer Wohnung. Dem sorgfältigen Nils war das nicht passiert. Nils passierte nie etwas, kein Fehler, kein Lapsus. Er funktionierte mit erschreckender Genauigkeit, während Jenny irgendwie durchs Leben und jetzt über die Türschwelle stolperte. Aus den Augenwinkeln erhaschte sie die Holzsplitter, die sich vom Türstock abspreizten, dann sah sie ihr durchwühltes Zimmer.

Ein oberflächlicher Beobachter hätte spontan behauptet, alles sähe so aus wie immer: Kleiderhäufchen auf dem Boden, Papier verstreut auf dem Bett, Bücher in den Ecken, einzelne Schuhe. Aber die zwei unteren Regalfächer am Fenster waren leergeräumt. Die Tasche mit der Kamera war verschwunden. Das Stativ. Das Teleobjektiv. Alle Objektive bis auf eins, um genau zu sein. Jenny kniete auf dem Boden und spähte in das Regalfach, als könnte ihre Ausrüstung bloß hinten in einen Spalt gerutscht sein. Vom Munde abgespart. Liebevoll und exakt aufeinander abgestimmt.

Sie stieß ein Wutgeheul aus, das in einem heiseren Krächzen endete. Nie mehr würde sie Alkohol anrühren in ihrem Leben. Nie mehr würde sie nach 19 Uhr ihre Wohnung verlassen. Sie würde sich ein neues Schloss zulegen und Bewegungsmelder. Und eine Pumpgun. Und dieser Drecksau das Gehirn rauspusten. Und dann die Sauerei fotografieren und in den Kunstwerken eine Einzelausstellung bekommen. Und berühmt werden. Jetzt heulte sie, legte den Kopf auf die Matratze, putzte sich die Nase mit der Decke, bis in ihre Schaumstoffmatratze, brüllte dabei, merkte, dass sie ein frisches Laken aufziehen musste, streifte sich die Schuhe von den Füßen, kroch ins Bett und schlief schnarchend ein.

Ihr erster Gedanke am nächsten Morgen war: Pumpgun. Ihr zweiter war: Luna. Luna hatte eine brauchbare Kamera von ihren Eltern zum Geburtstag geschenkt bekommen. Luna bekam dauernd sündhaft teure Sachen geschenkt, die sie nie benutzte, weil sie sich ihre sündhaft teuren Sachen lieber selbst kaufte. Luna bewohnte eine geschmackvoll eingerichtete 3-Zimmer-Eigentumswohnung in der Nähe vom Rosenthaler Platz. Jenny musste sich die Kamera leihen – heute Abend hatte sie einen bezahlten Auftrag. Ein Dr. John spielte im Astra in Friedrichshain. Alter Sack mit Schmerbauch und geflochtenem Ziegenbärtchen, Posaune und Baritonsaxofon im Set, wieder aufgewärmter News-Orleans-Jazz, aber zumindest sehr fotogen. Und dann brauchte sie einen Job. Die Idee, endlich einmal etwas für ihre Außendarstellung zu tun, eine Website gestalten lassen, Flyer, Visitenkarten, war futsch. Kaffee, dachte sie.

Etwas später, es ging schon stark auf Mittag zu, zockelte sie über die Torstraße. Kurz vor dem Rosenthaler Platz sah sie ein Schild: In großer, krakeliger Schrift stand dort: Das Kopyshop. HEUTE NEUERÖFFNUNG. Und darunter, etwas kleiner: Gerne schreddern wir auch für Sie belastendes Material.

Jenny stieg die Stufen zum Souterrain hinunter und trat ein. In einem Körbchen neben der Tür schlief ein winziger Hund mit riesigen Ohren. Ein Teacup Chihuahua. An der Wand stand ein Kopierer, offenbar der einzige Kopierer in diesem hoffnungsvollen Start-up. Der kleinste Hund der Welt im kleinsten Copyshop der Welt. Wie niedlich.

Zwei Köpfe lugten um die Ecke. Glatt gescheitelte Typen in Laborkitteln, etwas kleiner als sie. Sie trugen Sonnenbrillen.

„Guten Tag, freundlicher Helot“, sagte der Größere der beiden. „Dürfen wir Ihr kostbares Original vorsichtig auf die Glasplatte legen?“

„Weibchen, es ist ein Weibchen“, sagte der andere und knuffte seinen Kollegen in die Seite: „Helo-TIN.“

Alter Verwalter, was ging denn hier ab?

„Ich brauch ’nen Job“, sagte Jenny.

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