Der ARD-Scrooge um 20.15 Uhr: Vom Saulus zum Paulus

In "Aber jetzt erst recht" kämpft Jutta Speidel für soziale Gerechtigkeit und gegen Spekulanten - nette Unterhaltung gepaart mit Gesellschaftskritik (20.15 Uhr, ARD).

Es kommt wie es kommen muss: Der nicht mehr ganz junge, immer noch attraktive Gut-Geist und der fesche Scrooge. Bild: ARD Degeto/Erika Hauri

"A Christmas Carol in Prose, Being a Ghost Story of Christmas", Charles Dickens' berühmte Weihnachtsgeschichte, bietet mit dem in einer Nacht zum Wohltäter bekehrten, einst habgierigen Ausbeuter Ebenezer Scrooge ein Motiv, dass sich alle Jahre wieder neu variieren lässt - gerade im Film. Denn die sensationell schnelle Verwandlung vom Un- zum Gutmenschen beinhaltet praktisch bereits die von Fernsehfilmern mit einem Zeitbudget von regelmäßig knapp 90 Minuten notwendig zu besorgende Verdichtung.

Soziale Missstände, die anzuprangern sich lohnt, gab es seit 1843 zu jeder Zeit, doch hat sich gerade in den vergangenen Jahren das gesellschaftliche Klima abgekühlt. Und niemand verkörpert in diesen kalten Tagen den Archetyp des geldgierigen, rücksichtslos egozentrischen Geschäftemachers besser als: der Banker.

Der Investmentbanker. Dr. Clemens Nutz (Hansa Czypionka), der ARD-Scrooge für den heutigen Abend, ist einer von ihnen, er kennt seine Kollegen: "Diese Spezies kann mit Gefühlen nicht umgehen, die sind anders sozialisiert. Emotionale Nichtperformer."

Zerknirscht und voller Reue erkennt er im Angesicht Kathi Pfeiffers (Jutta Speidel) - die so was von gut und nicht von dieser Welt ist, dass sie nur ein Geist sein kann - alle seine Verfehlungen und legt die Beichte ab: "Ein Höhenflug nach dem anderen, dann sind wir gierig geworden, allesamt. Ham 'ne Menge Geld gemacht mit Anlage- und Abschreibungsmodellen. Hunderte von Millionen, völlig legal. Tausende von Anlegern sind auf der Strecke geblieben - Omis, Zahnärzte."

Das alte Lied von der Heuschreckenplage. Kathi, der gute Geist, hat gerade ihren Job als Leiterin einer therapeutischen Abteilung verloren, weil sie ein bisschen gegensteuern wollte: "Ich hab ja nur ein bisschen umverteilt." Ihr neuer Chef, Jurist, einer von den Heuschrecken, hatte ein Problem damit: "Sie haben Privatpatienten die Behandlungskosten unversicherter oder völlig mittelloser Patienten in Rechnung gestellt. Die Reichen zahlen und die Armen kriegen's umsonst, das gibt es nicht einmal in unserm Land!"

Es kommt, wie's kommen muss in einem Degeto-Film, der nicht mehr ganz junge, immer noch attraktive Geist und der fesche Scrooge, der etwas jünger sein darf als bei Dickens, damit es passt, verlieben sich ineinander. Sie tun sich mit Kathis Enkel Julius (Lukas Natrath) zusammen. Der ist noch grün hinter den Ohren, kann aber hacken wie der Wikileaks-Gründer Julian Assange und trägt an seinem PC genügend Beweismaterial zusammen, um allen Heuschrecken des Films den Garaus zu machen. Bildlich gesprochen - natürlich gibt es keine Toten. Das heißt, eine Tote gibt es schon, aber die zählt nicht, denn sie ist keine Heuschrecke und stirbt an Altersschwäche.

Das ist eigentlich schon die ganze Geschichte, abzüglich der ausschmückenden Verwicklungen. Und es liegt auf der Hand, das alles hätte Degeto-typisch ins Auge gehen können. Doch Regisseur Nikolai Müllerschön ("Der Rote Baron") und seine beiden Hauptdarsteller beherrschen zum Glück die Kunst der richtigen Nuancierung. Sie drücken nicht zu sehr auf die melodramatische Tränendrüse.

Oder doch, das tun sie, sie tragen sogar so dick auf, dass das rettende Augenzwinkern schlechterdings nicht zu übersehen ist. Emotionale Vollperformer. Da kann der Zuschauer den Filmemachern einfach nicht böse sein.

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