■ Den Zapfenstreich überhört: Gelbe Stöpsel
Das historische Ereignis begann mit diesem merkwürdigen Herrn mit Pickelhaube. „Entspannen Sie sich“, raunte er den Journalisten zu, die am Donnerstag abend im Pressezelt hinter dem ehemaligen DDR-Außenministerium zum Bankett wanderten. Das klang bedrohlich, so, als ginge es in die Schlacht. Und die hatte in der Tat schon stattgefunden: Die Tische mit den Hühnerkeulen sahen aus, als hätte gerade die Ehrenformation der Bundeswehr ihren Großen Zapfenstreich zelebriert. Dabei hatte es das Bundespresseamt doch nur gut gemeint. Selbst Regenschirme, grün, wurden den Reportern in die Hände gedrückt. Aber dann unterlief dem Bonner Amt doch noch ein Fehler. Schlimmer noch, verbargen sich in seinen Reihen erprobte Kriegsdienstverweigerer? Kaum am Brandenburger Tor angekommen, hinaufgeführt auf die Pressetribüne, wurden die Ohren der Journalisten des Pool 17 nämlich erlöst. Nicht der Querulant, der da irgendwann während der Zeremonie sein „Bundeswehr und deutsches Geld, morden mit in aller Welt“ aus einer der Zuschauertribünen skandierte, noch die aus der Ferne herübergewehten „Haut ab, haut ab“-Rufe der Demonstranten brachten das Ereignis zu Fall. Nein, es waren zwei kleine, unscheinbare gelbe Stöpsel. Hinter der Tribüne stand nämlich der Lautsprecher – den Organisatoren sei für diesen Einfall gedankt. So wurde das Spektakel des Großen Zapfenstreichs zum ohrenbetäubenden Lärmereignis, der Stiefeltritt der Ehrenformation zum donnernden Schlachtgetümmel. Jetzt erst wurde klar, was der Mann mit der Pickelhaube mit seinem Satz „Entspannen Sie sich“ gemeint hatte: Er war als Warnung gedacht. Zum Glück waren da die gelben Stöpsel. Sie halfen immerhin, Deutschlands Weg in die volle Souveränität zumindest ohne Ohrenschaden zu überstehen. Severin Weiland
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