Debatte: Zermürbt von Kapitalinteressen

Seit den Vorstandswahlen sind Frauen in allen Ver.di-Gremien in gleicher Zahl wie Männer vertreten. Eine gerechte Geschlechterpolitik garantiert dies allein noch nicht.

"Schafft Zustände, worin jeder herangereifte Mann eine durch Arbeit gesicherte Familie gründen kann", forderten 1868 die Anhänger Ferdinand Lassalles. Der männliche Facharbeiter, der mit seinem Lohn Frau und Kinder ernährt, war bis in jüngste Zeit Dreh- und Angelpunkt gewerkschaftlicher Politik. Berufstätige Frauen, so sie überhaupt ins Blickfeld gerieten, galten als bedauernswerte Wesen, die durch die Umstände, zum Beispiel Krieg, zur Erwerbsarbeit gezwungen waren.

Innerorganisatorisch räumte man ihnen in Form der Frauenausschüsse Spielwiesen ein, aber Frauen galten den männlichen Funktionären als defizitäre Wesen, schwer zu organisieren und gewerkschaftspolitisch unzuverlässig. Als das Bundesarbeitsgericht 1955 die Frauenlohngruppen in den Tarifverträgen für ungültig, weil verfassungswidrig erklärte, erfanden die DGB-Gewerkschaften gemeinsam mit den Arbeitgebern schnell die sogenannten Leichtlohn-Gruppen, die bis in jüngste Zeit in den Tarifen fortgeisterten.

Als in den Siebzigerjahren Feministinnen begannen, die Gewerkschaften nach ihrer Frauenpolitik zu befragen, wurde das seitens der Organisationen entrüstet als Spaltungsversuch der Arbeitnehmerschaft gewertet. Eine Kollegin aus der IG Metall fand damals zwar Gefallen an meiner kritischen Einschätzung des "Arbeitnehmerpatriarchats", wollte sich aber keineswegs mit mir in ihrem Büro in der Frankfurter Vorstandsverwaltung treffen.

Bald jedoch fassten frauenpolitisch engagierte Frauen auch in den Gewerkschaften Fuß. Selbstbewusst brachten sie neue Themen wie den Kampf gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz oder die frauenpolitisch unterfütterte Begründung für die 35-Stunden-Woche ein. In der allgemeinen Arbeitszeitverkürzung sahen sie einen Hebel, die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung in Beruf und Familie abzubauen. Die ersten Gewerkschaften verordneten sich Frauenförderrichtlinien und begannen, ihre Gremien zu quotieren.

Angesichts des expandierenden Dienstleistungssektors und der schrumpfenden Arbeitsplätze in den klassischen Industrien verblasste das Bild des Facharbeiters samt seinem tariflich garantierten Ecklohn auch in den Köpfen der männlichen Gewerkschafter. Durch den Zustrom von neuen weiblichen Mitgliedern wuchs der Frauenanteil im DGB insgesamt auf rund ein Drittel; einige der "Quellorganisationen" der späteren Ver.di, wie die HBV, wurden mehrheitlich zu Frauenorganisationen und wählten folgerichtig mit Margret Mönig-Raane auch eine Frau an die Spitze, nachdem sich die ÖTV mit Monika Wulf-Mathies 1982 die erste Vorsitzende einer DGB-Gewerkschaft überhaupt geleistet hatte.

Inzwischen ist es den Frauen unter heftigen Kämpfen gelungen, aus ihrer gesonderten Position als "Personengruppe" herauszutreten und sich ein Stück weit im gewerkschaftlichen Mainstream zu verankern. Dabei haben sie den Machtstrategen, Klünglern und Netzwerkern unter den männlichen haupt- und ehrenamtlichen Funktionärskollegen einiges abgeguckt. Das zeigte sich 2001 beim Gründungsprozess der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di).

Im Gerangel um Struktur- und Satzungsfragen der neuen Großorganisation gelang es den Gewerkschafterinnen, rechtzeitig ihre Claims abzustecken. Bereits 1998 forderten sie nicht nur die strenge Quotierung aller gewerkschaftlichen Gremien, sondern auch eine "geschlechtsspezifische Perspektive in allen gewerkschaftlichen Politikfeldern". Die Ziele der engagierten Frauen sollten auch die Ziele der neuen Großorganisation werden: Abbau der hierarchischen Geschlechterverhältnisse, gleichberechtigter Zugang von Frauen und Männern zu Erwerbsarbeit, Familienarbeit und allen sozialen Gütern. Eine der Geschlechtergerechtigkeit auf allen Ebenen verpflichtete Gewerkschaftspolitik - wie schön. Nur kommt sie erst zu einer Zeit, in der es den traditionellen Gewerkschaften mehr als schlecht geht.

Zermürbt von globalen Kapitalinteressen, die kaum noch staatlich reguliert werden, geplagt von Mitgliederschwund und der Konkurrenz durch schlagkräftige Organisationen von Funktionseliten wie Lokführer oder Fluglotsen, gelingt es den Großorganisationen immer weniger, gestaltend einzugreifen. Die Tarifauseinandersetzungen der letzten Zeit, die Streiks im öffentlichen Dienst und bei der Telekom, sind Abwehrkämpfe gegen die von Arbeitgeberseite betriebene Verschlechterung von Arbeitsbedingungen.

Betroffen sind vor allem die unteren Entlohnungsgruppen, wo sich mehrheitlich immer noch Frauen befinden. Auch das Großprojekt von Ver.di und den öffentlichen Arbeitgebern, den alten Bundesangestelltentarif BAT in den neuen Tarifvertrag öffentlicher Dienst (TVöD) umzuwandeln, ist bislang nicht unbedingt frauenfreundlich verlaufen. Nach den Überleitungsbestimmungen sind, wie in der taz (12. 7. 2007) zu lesen war, zum Beispiel Erzieherinnen mit Fachschulausbildung bei vergleichbarem Ausbildungsniveau schlechter eingruppiert als Techniker - allem Gender Mainstreaming zum Trotz.

Der bei Arbeitgebern beliebten Aufspaltung in Stamm- und Randbelegschaften, wobei Letztere zu mieseren Bedingungen weiterbeschäftigt werden, haben die Gewerkschaften wenig entgegenzusetzen. Auch davon sind viele Frauenarbeitsplätze betroffen: So, als sich die IG Metall 2004 im Tarifvertrag mit Daimler auf den Handel einließ, gegen Arbeitsplatzsicherheit für alle den Werkschutz und das Küchenpersonal aus dem Metalltarif herauszunehmen. Oder als Ver.di im Frühjahr diesen Jahres der Ausgliederung der Call-Center-MitarbeiterInnen der Telekom bei längeren Arbeitszeiten und niedrigeren Gehältern zustimmte.

In dieser Situation sind neue Strategien gefragt. Was mangels Masse und Streikkasse tariflich nicht durchsetzbar ist, versuchen die Gewerkschaften mit politischem Druck, Öffentlichkeitsarbeit und Bündnissen mit anderen Gruppen, von Attac bis zu Verbraucherverbänden, wettzumachen. Ver.di gelang es, die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn auf die politische Agenda zu setzen. Öffentliche Wellen schlug auch die Kampagne gegen die ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse beim Billig-Discounter Lidl.

Wie ein ideales, geschlechtergerechtes Entlohnungssystem aussehen könnte, kann Ver.di demnächst im eigenen Haus demonstrieren: 2008 soll für die Hauptamtlichen ein einheitliches Vergütungssystem (NVS) vorliegen mit zehn Entgeltgruppen für unterschiedliche Tätigkeiten.

Vor dreißig Jahren gab es für die Beschäftigten der damaligen ÖTV noch 18 Vergütungsgruppen: In den untersten, am geringsten entlohnten Gruppen fanden sich ausschließlich Frauen: Reinigungskräfte, Stenotypistinnen, Verwaltungsangestellte und Maschinenschreiberinnen. Männer fanden sich erst drei Lohnstufen höher.

CLAUDIA PINL

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