Debatte Völkermord an den Armeniern: Warum ich mich entschuldige

Alle Regierungen der Türkei haben eine offene Diskussion der Vergangenheit verhindert. Eine Initiative, die sich für die Massaker an den Armeniern entschuldigt, macht nun Druck

"Mein Gewissen erlaubt es mir nicht, die Leugnung und die Gefühllosigkeit gegenüber der großen Katastrophe, die über die Armenier im Osmanischen Reich im Jahre 1915 hereinbrach, zu akzeptieren. Ich weise diese Ungerechtigkeit zurück und fühle persönlich mit dem Schmerz, den meine armenischen Brüder und Schwestern empfinden. Ich entschuldige mich bei ihnen." So lautete die Erklärung, die kürzlich von einer Gruppe von Wissenschaftlern, Schriftstellern und Publizisten unterschrieben und ins Internet gestellt wurde - verbunden mit dem Aufruf an andere, sich ihrer Kampagne anzuschließen. Sie wurde bislang von mehr als 25.000 Menschen unterschrieben, ich war einer der Ersten. Warum?

Als das Osmanische Reich zerfiel, mussten fast alle seine Bewohner großes Leid ertragen. Den Armeniern kommt jedoch ein besonderer Platz zu. Im Gegensatz zu dem, was armenische Nationalisten behaupten, glaube ich dabei keineswegs, dass ihre Tragödie mit dem Holocaust an den Juden, den das rassistische Naziregime während des Zweiten Weltkriegs verübte, zu vergleichen ist. Die Lage war damals völlig anders: Ermutigt von westlichen Mächten wie Großbritannien und Frankreich, die das Osmanische Reich beerben wollten, kollaborierten nationalistische Armenier, die einen unabhängigen Staat anstrebten, mit Russland gegen das Imperium, dem sie angehörten. Sie verlegten sich auf terroristische Aktionen und töteten zahlreiche ihrer muslimischen Mitbürger. Die osmanische Regierung jener Zeit - besser gesagt: eine innere Clique, die von Innenminister Talat Pasha angeführt wurde - entschied daraufhin, zur Vergeltung alle Armenier aus dem Kriegsgebiet in die syrische Wüste umzusiedeln. Praktisch hieß das, das fast alle Armenier deportiert wurden - ausgenommen jene in Istanbul, Izmir, kleinen Unterprovinzen wie Kütahya oder den arabischen Provinzen.

Ungefähr die Hälfte der beinahe 1,5 Millionen osmanischen Armenier verlor auf diesem Wege ihr Leben - entweder durch die Hand von Banditen oder den Sicherheitskräften, die sie begleiten sollten, oder aufgrund von Hunger und Krankheiten. Manche haben das Martyrium überlebt, weil sie von Muslimen beschützt wurden oder indem sie zum Islam übertraten. Anderen gelang letztlich die Flucht in den Westen - hauptsächlich nach Frankreich und in die Vereinigten Staaten, wo heute die Mehrheit der armenischen Diaspora lebt. Nur noch rund 70.000 armenische Bürger leben heute in der türkischen Republik, fast ausschließlich in Istanbul.

Armenische Nationalisten meinen, dass die Entscheidung der Führer des jungtürkischen "Komitees für Einheit und Fortschritt", die osmanischen Armenier zu deportieren, Teil eines Plans war, der auf ihre totale Vernichtung zielte. Diese Behauptung wird sogar von anerkannten nichttürkischen Wissenschaftlern, die sich auf die späte osmanische Geschichte spezialisiert haben, infrage gestellt. Völlig außer Frage steht allerdings, dass die osmanische Regierung ihre armenischen Bürger mit ihrer Deportation einer unmenschlichen Kollektivstrafe unterwarf.

An die Tragödien, die Türken und Muslime während des Zerfalls des Osmanischen Reichs zu erleiden hatten, erinnert man sich in der Türkei heute gut. Über die Tragödie, die die osmanischen Armenier zu erleiden hatten, wird erst in jüngster Zeit angemessen diskutiert und geforscht. Jene, die für diese Tragödie verantwortlich waren, sind weder die türkische Bevölkerung noch die Regierung der heutigen Türkei, sondern das berüchtigte Komitee für Einheit und Fortschritt, das mit seiner Politik den Weg für den Untergang des Osmanischen Reichs ebnete.

Häufig wird gefragt, warum die aufeinanderfolgenden Regierungen der türkischen Republik ein solches Tabu errichtet haben, das eine Diskussion der armenischen Frage verhindert, wo sie doch für die Geschehnisse im Osmanischen Reich offensichtlich keine Verantwortung tragen. Dafür gibt es mindestens drei Erklärungen: Eine ist, dass bestimmte Mitglieder des Komitees für Einheit und Fortschritt am Unabhängigkeitskrieg und, als dessen Ergebnis, an der Gründung der türkischen Republik beteiligt waren. Ein anderer Grund sind die Bemühungen des Einparteienregimes, das zwischen 1925 und 1950 herrschte, für die Türken eine gloriose Geschichte zu konstruieren. Drittens kommt noch die Befürchtung hinzu, dass eine Anerkennung der Tragödie, die die osmanischen Armenier zu erleiden hatten, in irgendeiner Weise zu armenischen Kompensationsforderungen oder gar territorialen Ansprüchen an die Türkei führen könnte.

Sowohl die Regierungspartei AKP als auch das militärische Establishment haben mit starken Worten auf die Entschuldigungskampagne reagiert, weil sie eine weitere Initiative aus der Zivilgesellschaft darstellt, eine offene Debatte nicht nur über die letzte Phase des Osmanischen Reichs, sondern auch über die Frühzeit der Republik zu eröffnen. Dass Premierminister Erdogan die Kampagne verurteilt hat, mag von seinem echten Glauben an die offizielle Geschichte herrühren. Es entspricht aber keineswegs der Haltung eines Regierungschefs, der sich einer offenen Gesellschaft und der Meinungsfreiheit verpflichtet fühlen sollte.

Natürlich trage ich selbst persönlich keine Verantwortung für die Tragödie, die die osmanischen Armenier erlitten haben. doch empfinde ich tiefes Mitgefühl für meine Mitbürger, die dieses Leid erdulden mussten - ein Leid, das von staatlicher Seite vertuscht wurde. Ich habe die Erklärung unterschrieben, weil ich mich meinem Gewissen verpflichtet fühle. Und mir liegt an der Wiederherstellung der historischen Freundschaft, die vor dem Aufkommen der Nationalismen im Osmanischen Reich zwischen Armeniern und Türken herrschte, und an der Normalisierung der Beziehungen zwischen der Türkei und ihrem Nachbarn, der Republik Armenien. Vor allem aber wünsche ich mir eine freie Debatte über alle Aspekte der türkischen Geschichte, damit sich die Öffentlichkeit ein besseres Bild von der Vergangenheit machen kann. Wenn wir in der Türkei in der Lage sind, frei und offen über die armenische Frage zu debattieren und zu forschen, können auch jene "Völkermordresolutionen", die eine wachsende Zahl von ausländischen Parlamenten übernommen haben, verhindert werden. In der Türkei werden diese Resolutionen als Ausdruck tief sitzender Vorurteile gegen die Türkei wahrgenommen. Sie tragen lediglich dazu bei, Feindseligkeiten anzuheizen, und behindern die Entwicklung einer gesunden, internen Debatte in der Türkei. Das schwedische Parlament hat deshalb gut daran getan, mit großer Mehrheit einen "Völkermordbeschluss" abzulehnen, indem es einerseits auf die Uneinigkeit unter den Historikern über die Natur der Ereignisse von 1915 verwies und andererseits auf die Notwendigkeit, eine heikle innenpolitische Debatte, die sich in der Türkei entwickelt, nicht zu behindern.

Übersetzung: Daniel Bax

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