Neuropolitik und Demokratie : „Das Moral Shaming prallt ab“
Liya Yu erforscht die politische Dimension unseres Gehirns. Im Gespräch erklärt sie, warum Wissen über unsere kognitiven Veranlagungen entscheidend für eine funktionierende Demokratie ist.
taz lab: Frau Yu, Sie forschen zu Neuropolitik. Was verbirgt sich hinter dem Begriff?
Liya Yu: Neuropolitik geht davon aus, dass wir nicht alles politisch Relevante mit bloßem Auge sehen können. Es gibt kognitive Vorgänge, die sich nur mithilfe neurowissenschaftlicher Methoden erfassen lassen – anders als die Psychologie, die hauptsächlich Verhalten und Meinungen erfasst, schaut Neuropolitik in die Blackbox unseres Gehirns.
Was zeigt sich in dieser Blackbox?
Toleranz gegenüber Andersdenkenden fällt unserem Gehirn grundsätzlich schwer – es ist auf die eigene Gruppe ausgelegt und nimmt Informationen sehr selektiv wahr. Daraus resultiert die neuropolitische Dissonanz: Zwischen den evolutionären Fähigkeiten unseres Gehirns und den Anforderungen einer modernen Demokratie, die geprägt ist von Ambiguitäten. Viele Gehirne sehnen sich nach einem autoritären Entscheidungsmoment, wie die Leipziger Autoritärismusstudie 2024 bestätigt. Leider haben wir aktuell keine Strategie – weder in der Politik noch in der Bildung –, um mit diesen Vulnerabilitäten umzugehen.
Warum sind die Gesellschaften in liberalen Demokratien gerade jetzt so tief gespalten?
Nach dem Ende des Kalten Krieges nahm man an, Menschen seien von Natur aus liberal veranlagt. Das war ein historischer Trugschluss. Polarisierung bedeutet im Kern, dass ich den politischen Gegner nicht mehr als Mensch wahrnehme. Das lässt sich mit Hirnscans nachweisen: Die Entmenschlichung ist so weitreichend, dass ich den anderen kognitiv wie ein Objekt behandle – wie einen Stuhl. Wer einen politischen Gegner anschaut, schreibt ihm im Gehirn keine menschlichen Attribute mehr zu.
Was aber sollte man dem entgegensetzen – mehr Empathie oder Mut?
Das greift zu kurz. Was wir der Moral entgegensetzen müssen, ist Selbstwissen über unser Gehirn. Nicht eine weitere Tugend, sondern ein Verständnis darüber, warum wir so reagieren, wie wir reagieren. In meiner Arbeit mit jungen nationalistisch geprägten Männern oder im Antirassismuskontext erlebe ich das immer wieder: Dieses Selbstwissen ist befreiend von Angst. Ich suche deshalb bewusst das Gespräch mit AfD-Wähler*innen und Verschwörungstheoretikern – weil ich das Menschliche in ihrem Denken verstehen will.
Aber kann man Rechtspopulisten so entzaubern?
Wir sagen zu oft: Die AfD ist böse. Wir sollten häufiger sagen: Die AfD liegt falsch. AfD-Wähler*innen, mit denen ich spreche, sagen: Gebt uns Argumente. Das Moral Shaming prallt ab. Die AfD wurde demokratisch gewählt – das zu ignorieren und die Partei auszugrenzen, verstärkt das Gefühl, demokratisch ausgegrenzt zu werden. Dann machen sich Verschwörungstheorien breit. Wer das nicht berücksichtigt und stattdessen nur das Mantra wiederholt, die AfD sei böse, trägt nach meiner Ansicht dazu bei, dass Alice Weidel die nächste Bundeskanzlerin wird.
Auch die Cancel-Culture sehen Sie sehr kritisch und üben Selbstkritik im linksliberalen Spektrum.
Ja, Cancel-Culture baut auf vollständiger Dehumanisierung auf. Ich verstehe sehr gut, wo der Schmerz herkommt. Ich bin selbst als antirassistische Aktivistin tätig und war während der Bewegung Black Lives Matter in den USA. Als politische Kultur aber ist Canceln problematisch: Es politisiert den privaten Raum – und davor hat schon Hannah Arendt gewarnt, denn das führt zu totalitärer Politik. Neuropolitisch ist Canceln zwar befriedigend, weil unser Gehirn die Outgroup ausmerzen will. Aber in einer liberalen Demokratie müssen wir mit Menschen zusammenarbeiten, die wir vielleicht privat nicht mögen.
Wie ist eine solche Zusammenarbeit möglich?
Man muss zuerst die fundamentale Frage stellen: Was möchten Menschen eigentlich in einer Gesellschaft? Niemand möchte bewusst in einer ungerechten Gesellschaft und verschmutzten Umwelt leben. Wenn man dort anknüpft, findet man gemeinsame Grundwerte. Unser Gesellschaftsvertrag zerbricht – es braucht einen neuen, der bei den Menschen ankommt und nicht von oben moralisch verordnet wird. Eine aktuelle Ipsos-Umfrage (eine aktuelle Umfrage zum Wahltrend) zeigt: Die Mehrheit in Europa und den USA hat das Vertrauen in die Demokratie verloren – und sie möchte trotzdem an ihr festhalten.
Ein ausführlicheres Gespräch mit Liya Yu findet auf dem taz lab statt. Juwelen-Agora, Frizz Forum Garten , 14 Uhr.