: Dackels wahres Gesicht
Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungsgeschichte (Teil 8). Heute: Die Masken fallen
Von Michael Ringel
Was bisher geschah: Heinz-Hermann beschäftigt sich mit seltsamen Dingen und mit Kraken und Spinnen. Und er geht Anrufen seines Vaters aus dem Weg, der ein Meisterspion war. Nur Dackel, Deckname Rupert Schulte, Heinz-Hermanns geheimnisvoller Auftraggeber, dringt immer durch. So auch in der verschlickten Hamburger Elbphilharmonie, wo Heinz-Hermann samt Käpt’n Tietsch gestrandet ist, um der sensationell geheimen Aufführung des sechsten Satzes des Schubert’schen Forellenquintetts beizuwohnen. Doch dann kommt ein Anruf von Dackel, der ihn nach Berlin beordert …
Sieben Stunden später stand Heinz-Hermann vor der „Großen Freiheit Nummer 7“, der Segelschule am Berliner Bundesplatz. Allerdings war er nicht, wie Dackel gefordert hatte, aufgetakelt. Mit einem Rest Würde hatte er der Anweisung widerstanden. Er betrat den Shop der Segelschule, eine Schiffsglocke ertönte siebenmal, als er die Tür öffnete. Unter der Decke des vollgestopften Ladens hingen obskure Gegenstände: gebrauchte Holzbeine, verfilzte Stoffpapageien, verwitterte Ruder, verbogene Augenklappen, rostige Anker, verblichene Seekarten, entleerte Rumfässer …
„Hallo, hallo? Dackel? Rupert? Rupert Schulte?“, rief Heinz-Hermann, und wie aus dem Nichts kam eine undefinierbare Gestalt auf ihn zu, deren Augen von einer überdimensionalen Kappe verdeckt wurden. Auf ihr stand in goldenen Großbuchstaben: „D.A.C.K.E.L.“. Das musste Rupert sein, dachte sich Heinz-Hermann und fragte laut: „Dackel? Was bedeutet eigentlich das ‚D.A.C.K.E.L.‘ auf der Kappe?“ Sein Gegenüber schwieg einen langen Moment, dann kam ihm krächzend eine Erklärung über die schmalen Lippen: „Deputy Attorney Commander King Elite Label.“ Heinz-Hermann stutzte: „Aber das ergibt doch gar keinen Sinn!“
Statt einer Antwort griff sich der Unbekannte an sein Kinn und riss sich eine Latexmaske hoch über den Kopf. Zum Vorschein kam ein eleganter älterer Schwarzer mit klugen braunen Augen. „Wer sind Sie?“, fragte Heinz-Hermann, und der Fremde antwortete mit gutturaler Stimme: „Herbie Hancock.“ Wie zum Beweis erklangen nun die ersten Takte seinen Welthits „Rockit“, zu dem einst Roboter in Anzughosen getanzt hatten. „Herbie Hancock? Aber das kann doch gar nicht sein“, wehrte sich Heinz-Hermann.
Statt einer Antwort griff sich Hancock an sein Kinn und riss sich eine Latexmaske hoch über den Kopf. Zum Vorschein kam eine ulkig aussehende ostdeutsche Frau mittleren Alters. „Wer sind Sie?“, fragte Heinz-Hermann, und die Fremde antwortete mit kieksender Stimme: „Helga Hahnemann.“ Wie zum Beweis erklangen nun die ersten Takte ihres größten Hits „Berlin, du bist die Größte“, bei dem sie einst im Trenchcoat durch die Hauptstadt der DDR gewandelt war. „Helga Hahnemann? Aber das kann doch gar nicht sein“, wehrte sich Heinz-Hermann.
Statt einer Antwort griff sich Hahnemann an ihr Kinn und riss sich eine Latexmaske hoch über den Kopf. Zum Vorschein kam ein Mann mit halblangen blonden Haaren und einem kantigen nordischen Gesicht. „Wer sind Sie?“, fragte Heinz-Hermann, und der Fremde antwortete mit knarziger Stimme: „Hans Hartz.“ Wie zum Beweis erklangen nun die ersten Takte seines größten Hits „Die weißen Tauben sind müde“, bei dem er einst sehnsüchtig in die Ferne geschaut hatte. „Hans Hartz? Aber das kann doch gar nicht sein“, wehrte sich Heinz-Hermann.
Statt einer Antwort griff sich Hartz an sein Kinn und riss sich eine Latexmaske hoch über den Kopf. Zum Vorschein kam eine ältere Dame mit kurzem grauem Haar, die ihn aufmerksam fixierte. „Wer sind Sie?“, fragte Heinz-Hermann, und die Fremde antwortete munter: „Frau Ettwig, deine alte Musiklehrerin aus dem Gymnasium. Du warst schon früher in der Schule so!“ Heinz-Hermann hätte gern gefragt, wie, aber traute sich nicht recht.
Frau Ettwig hatte ihm einmal als Hausaufgabe für den Unterricht eine Strukturanalyse des Rockklassikers „In-A-Gadda-Da-Vida“ von Iron Butterfly gegeben. Daraufhin hatte er eine Tapetenrolle besorgt und das 17-minütige Stück tagelang immer wieder angehört und mit verschiedenen Farbstiften die einzelnen Instrumente, ihre Höhen und Tiefen sowie die Dauer ihres Einsatzes minutiös auf der Papierrolle vermerkt. Heraus kam ein zwölf Meter langes buntes wirres Strichwerk, das noch Jahre an der Wand des Musiksaals seiner Schule hing. Wie zum Beweis erklangen nun die ersten Takte von „In-A-Gadda-Da-Vida“, und Heinz-Hermann schüttelte sich vor Abscheu. Seither liebte er Kraken und Spinnen. „Frau Ettwig? Aber das kann doch gar nicht sein“, wehrte sich Heinz-Hermann.
Statt einer Antwort griff sich Frau Ettwig an ihr Kinn und riss sich eine Latexmaske hoch über den Kopf. Zum Vorschein kam eine düstere Gestalt, die Heinz-Hermann längst erkannt hatte. Reflexhaft aber fragte er: „Wer sind Sie?“, und der Fremde antwortete: „Ich … bin … dein … Vater!“ Das konnte sehr gut sein!
„Und was willst du?“, wollte Heinz-Hermann wissen. „Ich bin kein Meisterspion mehr, sondern Musikagent. Und du, mit deinem Wissen vom ‚Forellenquintett‘ bis zu den ‚Weißen Tauben‘, wirst mir den Hit des Jahrhunderts erschaffen, den größten Ohrwurm aller Zeiten. Erst wird er die Menschen erfreuen, dann werden sie sich die Ohren zuhalten, schließlich werden ihre Gehirne zersetzt. Der Ohrwurm wird die tödlichste Waffe, die es je gegeben hat, und du wirst ihr Schöpfer …“
Heinz-Hermann war entsetzt: „Aber den größten Ohrwurm gibt es doch schon. Das ist ‚Last Christmas‘!“ Sein Vater wischte den Einwand mit einer verächtlichen Geste weg. „Nein, der Ohrwurm wird ‚Mathilda-Regine‘ heißen“, befahl er. Heinz-Hermann aber griff instinktiv in seine Manteltasche, aus der er zu Abwehr eine abgegrabbelte Packung hervorzog, die er sich angeschafft hatte, nachdem er eine wissenschaftliche Studie gelesen hatte über das einzige Gegenmittel gegen Ohrwürmer. Hastig pulte er ein Kaugummi heraus und begann darauf herumzukauen …
Fortsetzung demnächst
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