DIE WAHRHEIT: Die Klänge der Klingeln

Der Teufelsklingler von Zeuthen und sein lautes Werk.

Wenn Olaf Hintzen auf die Knöpfe drückt, entlockt er seinem Instrument Rhythmen von stupender Dynamik. Doch es ist kein Akkordeon, das er da bedient. Es ist das Klingelbrett eines achtstöckigen Wohnblocks in Gelsenkirchen. Wie ein Derwisch tanzt er vor der Klingelanlage und bearbeitet mit atemberaubender Geschwindigkeit die Knöpfe - solange, bis alle Bewohner an den Fenstern sind oder die Tür öffnen, zuerst verärgert über die Ruhestörung. Doch wenn sie erst einmal die Melodie erkannt haben, lauschen sie mit wachsender Begeisterung den nahen und fernen Klängen der Klingeln.

Olaf Hintzen hat das Klingelbrett aus der Nische geholt. Über seine Konzerte berichten die Feuilletons auf der ersten Seite. Hintzen macht Tourneen durch Deutschland, inzwischen auch durch China, Japan, die USA. Er ist stolz auf seine Leistung - und auf seine Hände. Die Schwielen, die Schrunden kommen vom Klingeln, von sechs, acht, zehn Stunden Klingelbrettspielen jeden Tag - seit vierzehn Jahren. Anders wird man nicht zu dem, was Hintzen heute ist: der zurzeit berühmteste und vielleicht beste "Klingelputzer" der Welt. Er zeigt sie gern her, vor allem die Stelle am Daumen, wo die Hornhaut am dicksten ist.

Auf Tournee schafft er es meist nicht, zehn Stunden am Tag zu üben, das wäre sein Ziel. "Ich versuche, jede freie Minute zu nutzen. Aber in einer fremden Stadt ist es schwierig, ein Klingelbrett von der richtigen Größe zu finden", sagt er. Es ist kurz nach zwölf Uhr mittags, und Hintzen hat bereits den ganzen Vormittag geklingelt. Nun hat er zwei Stunden Zeit, dann beginnt die nächste Probe. Am Abend wird er am Klingelbrett eines Plattenbaus in Hoyerswerda ein Konzert geben, und er wird in den zwei Stunden sein gesamtes Repertoire zum Besten geben. Morgen wird er für ein anderes Konzert in eine andere Stadt fahren. So sehen gewöhnliche Tage im Leben Olaf Hintzens aus.

Eigentlich ist das Klingelbrett ein unberechenbares Instrument, weiß der Spieler doch nicht, welche Töne sich hinter den Klingelknöpfen verbergen. Doch vielleicht gerade wegen der ungewöhnlichen Klangfarben verzaubert Hintzens Musik die unterschiedlichsten Zuhörer. Am Ende einer Aufführung jubeln nämlich alle Bewohner des "bespielten" Hauses: Junge Leute trampeln und johlen im Treppenhaus, bald aber steht auch die 80-jährige Oma brav unten in der Schlange, um sich von ihm eines seiner begehrten Autogramme geben zu lassen. Olaf Hintzen kriegt sie alle. Ob mit Death Metal oder der "Petersburger Schlittenfahrt". Und genau das will er.

Sein Konzertplan steht bis Ende 2012 fest. Die meisten Anfragen muss er inzwischen absagen. Um dorthin zu kommen, wo er heute ist, hat Hintzen hart gearbeitet und sein Leben dem Klingelbrett untergeordnet: Als er vier war, entdeckt er in seiner brandenburgischen Heimatstadt Zeuthen südlich von Berlin das Klingelputzen für sich. Als 14-Jähriger gewinnt der junge Hintzen seine ersten Preise mit einem Jugendensemble, mit 15 bricht er die Schule ab, um sich ganz seiner Passion widmen zu können. Seitdem führt er ein rastloses Leben, ein Getriebener seiner eigenen Mission, die da heißt: das Klingelbrett zu dem Instrument des 21. Jahrhunderts zu machen. Im November wird er in Wien-Ottakring debütieren, nächstes Jahr dann in einem Hochhaus in Schanghai, dazwischen ständig neue Werke einstudieren. "Ich weiß, dass ich an beiden Enden brenne", bekennt der Teufelsklingler aus Zeuthen.

Wie lang er dieses Leben noch führen will - und wie lange er es noch aushalten wird, weiß er nicht. Aber: "Sobald ich merke, dass ich körperlich nicht mehr in der Lage bin, so zu spielen, wie ich will, höre ich auf. Ich habe als Klingelbrettspieler ein Ablaufdatum." Sein schönster Moment, sagt er, war im November 2006, sein "Mitternachtskonzert" im Eingangsbereich einer Mietskaserne in Berlin-Marzahn. Das sei der "Durchbruch" gewesen. Er hatte sich ein Jahr darauf vorbereitet und hielt es bis zum Schluss für möglich, dass er während des Konzerts von aufgebrachten Bewohnern zusammengeschlagen werden könnte. Drei Stunden lang an den Klingeln - und keine Sekunde Verschnaufpause. Hintzen ist mit diesem Konzert an die Grenzen dessen gegangen, was ein Klingelbrettspieler leisten kann. Und alles ging gut: Am Ende feierten ihn die Bewohner mit Standing Ovations. Schon in zwei Jahren werde er das körperlich nicht mehr schaffen, hat er damals gesagt. Und das Konzert zwei Jahre später in einem zwölfstöckigen Wohnblock in München-Neuperlach trotzdem wiederholt. Sein Arzt hatte ihm abgeraten - zu groß der Stress, unkalkulierbar die Risiken. Nun sind wieder zwei Jahre vergangen, und Hintzen sagt: "Ich kann einfach nicht davon lassen, Musik zu den Menschen zu bringen!"

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