Corona-EU-Milliarden in die Schulen!: Wer hilft den Kindern?

Die Pandemie könnte eine Chance sein, endlich in die Digitalisierung des Bildungssystems zu investieren.

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Von UDO KNAPP

Erst schlagen Macron und Merkel ein 500 Milliarden Euro-Programm vor, dann wird das von EU-Kommisionspräsidentin von der Leyen mit 750 Milliarden noch getoppt: Das kreditfinanzierte Geld ist gedacht für dies, das, alles und für den ökologischen Aufbruch ins 21. Jahrhundert. Jedenfalls verbal. Und im Großen und Ganzen für das Weiter so im Konsum-Schlaraffenland.

Es fällt auf, dass in dieser Schuldenorgie die Kinder mit ihren unmittelbaren und direkten Interessen nicht vorkommen, die diese Schulden auf ihrem Lebensweg mit Einschränkungen abarbeiten und mit verstellten Zukunftschancen bezahlen müssen. Warum finden sich auf der Ausgabenliste für die Corona-Milliarden nicht ganz weit oben 50 Milliarden Euro für die Digitalisierung der Schulen?

50 Milliarden für das gemeinsame Fitmachen aller Schulen in der EU für pandemische Krisen, für eine abgestimmte Lehrerausbildung und die Digitalisierung  ihres Unterrichtes – das wäre doch eine echte Zukunftsinvestition.

Zehn Millionen Schüler müssen sich selbst unterrichten

Für etwa zehn Millionen Kinder in der Bundesrepublik sind die Schulen nun schon fast vier Monate geschlossen und bleiben das mindestens bis zu den Sommerferien sind. Gesundheitspolitisch betrachtet ist das eine richtige Entscheidung. Für die Lebenswege der Kinder und für die Bildungspolitik ist es eine Katastrophe, die aber im öffentlichen Bewusstsein keine große Rolle spielt.

Das Gerede vom Home Schooling, Videokonferenzen, von der Digitalisierung des Unterrichts, von „Flipped Classrooms“ -Lernplattformen, wie etwa Lernraum.de und so weiter verdecken die Tatsachen.

Die große Mehrheit der zehn Millionen Schüler ist nämlich im Augenblick ohne jede ernsthafte Beschulung sich selbst und ihren Eltern überlassen. Die Bundesrepublik, und in dieser Frage vor allem die Bundesländer, haben die systematische Digitalisierung des gesamten Schulsystems verschlafen.

Wir haben die Digitalisierung des Schulsystems verschlafen

Die von der OSZE erst kürzlich wieder scharf kritisierte ungleiche Verteilung der Bildungschancen in Abhängigkeit von der sozialen Zugehörigkeit in der Bundesrepublik verstärkt sich in der Pandemie massiv. Die besser gestellten Mittelschicht-Homeoffice-Millenials heulen zwar rum, weil ihre Kinder sie vom Arbeiten abhalten, aber in ihren Haushalten wird kontinuierlich und mit allem nötigen Nachdruck gelernt. Oder sie engagieren halt, wie ein Freund von mir, einen Privatlehrer für die Vormittage ihrer Kinder.

Mehr als zwei Drittel aller Schüler allerdings sind auf ihr eigenes Interesse und ihre selbständige Lust am Lernen in tendenziell bildungsfernen Umfeldern zurückgeworfen. Sie versinken und verschwinden in den wirklichkeitsfeindlichen Welten der sozialen Medien.

Smartphones zum Daddeln haben alle, aber Tablets eben nicht oder die Kompetenz, damit zu arbeiten – und Bücher übrigens schon gar nicht: Corona verstärkt also die Entwicklung, dass nur die subjektiv und vom sozialen Umfeld her gut Aufgestellten und wohl Behüteten Zukunft haben.

Ungleiche Verteilung von Bildungschancen verstärkt sich in der Pandemie

Die Hauptbedingungen für gutes Lernen sind eine enge, empathische, aber auch streng führende, leistungs- und erfolgsorientierte Schüler-Lehrer Beziehung, die gemeinsame Präsenz im Bildungsraum, die öffentliche Erziehung in der Schule, die Konkurrenz und das gemeinsame Großwerden mit den Peers in den Altersgruppen: Diese Bedingungen sind seit Monaten weggebrochen.

Es wäre zu einfach, die Verantwortung allein der Bildungspolitik anzulasten. Hauptverantwortung für die aktuelle Bildungsmisere tragen die etwa 750.000 Tausend im öffentlichen Dienst beschäftigten Lehrer. Von ihnen kommt in Hinblick auf die Digitalisierung des Unterrichts – bis auf  einige beachtenswerte Ausnahmen – wenig oder gar nichts.

Sicher, es müsste vielmehr Lehrer geben. Sicher, die Lehrer müssen in ihrem Arbeitsalltag viel leisten. Sicher, die Bildungsministerien müssten den Schulen und ihren Lehrern einen weitaus tieferen  Raum für situationsangepassten, selbst gestalteten Unterricht mit entsprechenden Budgets einräumen.

Die digitale Wende der Schule als Zukunftsinvesttion

Tatsache aber bleibt es, dass es die Lehrer sind, die die Digitalisierung  professionell in ihren Präsenzunterricht einbauen müssen. Nur wenn die Digitalisierung in den Alltag des Präsenzunterrichts strukturell und verbindlich eingebaut wird, dann kann die Digitalisierung auch in Situationen wie der Corona-Pandemie gute Schule als Fernunterricht ermöglichen. Aber daran zeigen die Lehrer eben in ihrer großen Mehrheit kein sichtbares Interesse.

Hier kommen die eingangs vorgeschlagenen 50 Milliarden Euro für die digitalisierte Neu-Aufstellung der europäischen Schulen ins Spiel. Das Corona-Geld steht zur Verfügung, Politik und proaktive Lehrerschaft sind gefordert, es gemeinsam abzurufen. Mit einigem Einsatz können sie die digitale Wende der Schule als Verbesserung der Schule für die Kinder auf den Weg bringen.

Corona ist so betrachtet einmal nicht nur Unglück, sondern die Riesen-Gelegenheit, die europäische Schullandschaft auch in der Konkurrenz mit den asiatischen Überfliegern selbstbewusst und zukunftsfähig neu aufzustellen.

UDO KNAPP ist Politologe und war der letzte Vorsitzende des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). In der aktuellen Ausgabe von taz FUTURZWEI analysiert er, wie linke „Verteilungsgerechtigkeit“ von populistischen und autoritären Regierungen wie Polen, Ungarn, Russland, China instrumentalisiert wird.