Coming-of-Age-Drama auf Arte: Mama, Papa, Gaga

Im Pubertätsdrama "Früher oder später" leidet die junge Nora unter der Infantilität ihrer Eltern und fühlt sich zum neuen Nachbarn hingezogen (Freitag, 21 Uhr, Arte).

Nora (Lola Klamroth) ist eine Tagträumerin. Bild: zdf / david baltzer, zenit

Erwachsene tun seltsame Dinge. Zum Beispiel unschlüssig vor dem Spiegel rumstehen, weil man endlich das Studium zu Ende bringen will und nicht weiß, ob das Kleid nicht doch zu aufreizend für den Uni-Alltag ist. So wie Noras Mutter. Oder den ganzen Tag mit Leichenbittermiene rumrennen, weil der eigene Laden nicht so richtig laufen will. So wie Noras Vater.

Wer kann es der 14-Jährigen verdenken, dass sie sich zu dem neuen Nachbarn hingezogen fühlt, der scheinbar all das ist, was ihre Eltern nicht sind: weltgewandt, selbstsicher, abenteuerlustig. "Der K2 ist der Berg der Berge", sagt dieser Thomas. "Die letzte Herausforderung für einen Mann." Oder er macht Nora Komplimente, für die ihn jede Erwachsene ohrfeigen würde.

Nora (Lola Klamroth) aber ist in Thomas (virtuos unsympathisch: Harald Schrott) verknallt und baut ihm einen Altar aus geklauten Kleidungsstücken und Bergimpressionen. Man könnte das pubertär finden - würden die Erwachsenen nicht viel infantiler handeln.

"Früher oder später" ist ein schöner kleiner Film über die Pubertät, der auf unaufgeregte Weise mit der Perspektive des herkömmlichen Adoleszenzdramas spielt. Mag der junge Mensch in diesem Genre gemeinhin in seiner Unfertigkeit unergründlich wirken, sind es hier die Erwachsenen, die in ihrer nur gespielten Reife Verwunderung hervorrufen und als Orientierungshilfe ausscheiden.

So streift Nora ziel-, halt- und ratlos durch den Sommer, den Regisseurin Ulrike von Ribbeck als endlose Aneinanderreihung von öden Grillfesten und Terassengesellschaften in sanftes Licht taucht. So kommen die anthropologischen Spitzen zum Vorstadtleben vermeintlich arrivierter Mittvierziger oft erst über Umwege zur vollen Entfaltung. Lust- und Frustwandeln in den Herbst des Lebens muss man das wohl nennen.

Nicht der Teenager ist in diesem Coming-of-Age-Drama das unbekannte Wesen, sondern der Erwachsene. Auf die arg plakative Zuspitzung am Ende hätte man zwar gut verzichten können, doch die meiste Zeit blicken die Filmemacherinnen (Koautorin Katharina Held) eher mit mildem Staunen aufs Freizeit- und Feierverhalten der Elterngeneration, die mit Nudelsalat im Gesicht zur Diskomusik ihrer Jugend abgeht.

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