Chef der Deutschen BP über Erdölressourcen: "Wir können nichts für die Preise"

Der Chef der Deutschen BP, Uwe Franke, rechnet vor, dass sein Konzern pro Liter Benzin nicht mehr als 1 Cent verdient. Dafür müssen wir uns um die Ölreserven erstmal keine Sorgen machen.

Ist die Tiefpumpe immer noch die Zukunft der Menschheit? Bild: dpa

taz: Herr Franke, waren Sie dieser Tage schon in der Berliner Wilhelmstraße 97?

Uwe Franke: Nein. Warum?

Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat dort sein Büro. Und der hat Ihnen kürzlich vorgeworfen, die Spritpreise künstlich hochzuhalten, obwohl die Ölpreise kräftig gefallen sind.

Ich finde die Aussage von Herrn Steinbrück ziemlich populistisch. Bevor man über Tankstellenpreise redet, muss man erst einmal die Steuern für den Finanzminister abziehen, nämlich 85 bis 90 Cent pro Liter! Ansonsten hat uns der deutsche Markt zu stärkeren Preissenkungen gezwungen, als der Rohölpreis gesunken ist.

Das müssen Sie uns erklären.

Anfang Juli kostete der Liter Benzin in der Beschaffung noch 56 Cent. Ende September waren es 12 Cent weniger, also 44 Cent. Die Tankstellenpreise sind aber von 159 Cent in der Spitze auf 143 Anfang dieser Woche gefallen. Das entspricht immerhin einer Senkung um 16 Cent.

44 Cent für Beschaffung plus maximal 90 Cent Steuern macht 134. Da fehlen noch 9 Cent zu 143 …

Natürlich. Es fallen auch Kosten an für Transport, Lagerung, Personal, Tankstellenpächter und Biobeimischung. Wir zahlen heute zum Beispiel zwischen 800.000 und 1 Million Dollar pro Tag, um eine Ölplattform zu mieten. Viermal so viel wie vor fünf Jahren.

Wir haben auch mal nachgerechnet: Der Preis der Rohölsorte Brent lag Mitte Juli bei rund 57,5 Cent pro Liter und ist bis diese Woche auf etwa 43 Cent gefallen. Über 25 Prozent also.

Schauen Sie: Der Ölpreis ist seit 2002 um 466 Prozent gestiegen, der Benzinpreis nur um 52. So ein Vergleich funktioniert nicht! Ich sage es noch mal ganz deutlich: Im Jahresdurchschnitt verdienen wir nicht mehr als 1 Cent pro Liter, nach Abzug aller Kosten. Und in diesem Jahr wird es sogar weniger sein. Davon bezahlen wir auch noch alle Investitionen. Die Kosten haben wir weitergegeben. Wenn das bei Ihnen nicht rauskommt, dann haben Sie sich verrechnet.

Hat sich der ADAC auch verrechnet? Der sagte vor kurzem, die Preise müssten um mindestens 3 Cent niedriger liegen.

Es ist immer schön, die Mineralölgesellschaften in die Ecke zu stellen und zu sagen: "Die stecken sich das Geld in die Tasche." Aber die Fakten liegen auf dem Tisch. Wir erhöhen zwei- bis dreimal in der Woche die Benzinpreise. Aber: An jeder Tankstelle wird durchschnittlich mehr als einmal pro Tag der Preis auch gesenkt! Dadurch ergeben sich ständige Schwankungen von 3 bis 4 Cent. Der Wettbewerbsdruck ist extrem gestiegen. Und die Kunden fahren lieber 500 Meter weiter zur nächsten Tankstelle, weil der Sprit dort weniger kostet.

Das Bundeskartellamt untersucht seit Mai wieder den Mineralölmarkt …

… obwohl überhaupt keine Verdachtsmomente vorliegen …

aber die Behörde in Beschwerden von Verbrauchern und freien Tankstellenbetreibern fast erstickt.

Wobei sich Verbraucher über zu hohe und freie Tankstellen über zu niedrige Preise beschweren. Das Kartellamt hat wiederholt den Markt geprüft und immer wieder festgestellt: Es gibt keine Preisabsprachen. Die Führung hat gewechselt, und jetzt will man sich vielleicht vergewissern, ob die Vorgänger ihre Hausaufgaben richtig gemacht haben. Das ist ihr gutes Recht. Wir werden auf jeden Fall intensiv mit dem Kartellamt kooperieren. Aber hohe Preise an sich sind kein Zeichen für Absprachen. Wir können nichts für die Weltmarktpreise, und wir bestimmen sie auch nicht.

BP fördert Öl und will nichts mit seinem Verkaufspreis zu tun haben?

Die internationalen Ölunternehmen haben ungefähr noch einen Weltmarktanteil von 15 Prozent. Der Rest fällt an nationale Ölgesellschaften. Im Klartext heißt das: Die Öl produzierenden Staaten bestimmen im Wesentlichen den Weltmarktpreis. Also vor allem die Opec.

Werden wir in Zukunft wieder für 1 Euro tanken können?

Der Tankstellenpreis folgt vor allem dem des Rohöls. Und wo der hingeht, wissen wir nicht. Zeiten billigen Öls werden wir jedenfalls nicht mehr erleben.

Das heißt?

Ich vermute, dass die Opec mittelfristig keinen Preis akzeptieren wird, der wesentlich unter 100 Dollar pro Barrel liegt. Die Ölstaaten müssen ihre Sozialsysteme finanzieren, die Kosten dafür sind gestiegen. Dafür benötigen sie einen Ölpreis von mindestens 70 bis 90 Dollar pro Barrel.

Und wenn denen und uns das Öl schon in zwanzig Jahren ausgeht?

Wir müssen uns über die Ölreserven in diesem Jahrhundert keine Sorgen machen. Schon jetzt sind Quellen, die den Bedarf in den nächsten 40 bis 45 Jahren decken, eindeutig nachgewiesen, angebohrt und mit heutiger Technologie förderbar.

Das bedeutet, wir tanken in 20 Jahren …?

… weiterhin Benzin und Diesel. Größtenteils. Der Anteil von Biokraftstoffen könnte bis 2030 auf 20 bis 30 Prozent wachsen. Bei Elektroautos stehen wir noch am Anfang. Mehr als 10 bis 15 Prozent Anteil sind aber meines Erachtens kaum drin.

Biokraftstoffe sind nicht unproblematisch. Ihre Herstellung steht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion, und sie sind nicht in allen Fällen ein Gewinn fürs Klima.

Die Forschung zu Bioenergie der zweiten Generation hat gerade begonnen. Klar ist: Alle Pflanzenteile müssen weiterverarbeitet werden. Alles andere wäre ein Fehler. Und weil wir nur begrenzte Anbauflächen haben, muss die Ausbeute pro Hektar maximiert werden. Daneben dürfen die Pflanzen nicht mit der Nahrungsmittelproduktion kollidieren. Und wir müssen ein Maximum an CO2 einsparen …

am besten durch gentechnisch veränderte Pflanzen? Sie haben sich vor kurzem für "genetisch optimierte" Biomasse ausgesprochen.

Es geht darum, die Energiepflanze so zu züchten, dass sie mehr Masse abwirft. Wenn Sie in Zukunft in großem Stil Biosprit nutzen wollen, kommen wir um eine offene Diskussion über das Thema nicht herum. Wir können uns den Luxus nicht leisten, zu wählerisch zu sein, wenn wir weg vom Öl wollen.

Sagt ein Unternehmen, das mit Öl sein Geld verdient.

Öl wird noch lange der wichtigste Energieträger sein, da machen Sie sich bitte nichts vor. Aber das Thema "alternative Energien" ist für uns sehr wichtig. Wir investieren bereits 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr in diesen Bereich …

und gleichzeitig noch immer 12 Milliarden Dollar in Öl und Gas. Mit mehr Geld für alternative Energien könnte man sehr viel schneller eine Infrastruktur aufbauen, die fast den gesamten jetzigen Bedarf decken und bald auch Gewinne produzieren würde.

Es ist auch unsere Aufgabe, Energiesicherheit zu gewährleisten. Bis 2050 wird ein Großteil der Energie immer noch aus Erdöl und Erdgas kommen. Und Kohle gewinnt massiv. Das zu vernachlässigen wäre unverantwortlich. Der Bedarf kann nur gedeckt werden, wenn wir parallel alle Energien zügig entwickeln. Und alternative Formen bilden da ein drittes Standbein.

Ein schwaches Beinchen, in das Sie nur ein Siebzehntel Ihres Gewinns investieren.

Und damit sind wir einer der größten Investoren. Warum schauen Sie sich eigentlich nicht mal die Unternehmen an, die gar nichts tun? Sie prügeln lieber auf die ein, die sich bemühen, und lassen die Nichtstuer in Ruhe.

Keine Sorge, das tun wir nicht. Aber wer sich ein grünes Schild umhängt, muss sich kritische Fragen gefallen lassen.

Ich fühle mich auch dem Klimaschutz verpflichtet. Aber etwas mehr Realismus ist wirklich erforderlich. Wir können nicht von heute auf Morgen alles Geld aus Öl und Gas abziehen. Natürlich, es geht nicht mit nur einer Technologie. Wir brauchen auch Solar und Wind. Aber es wird viel zu wenig beachtet, dass das für den Kunden teuer wird. Da muss die Politik für Ausgleich sorgen.

Sie meinen, die Politik mischt sich zu wenig in die Wirtschaft ein?

Politische Rahmenbedingungen bei der Klimapolitik zu setzen - das muss sein. Allerdings sehe ich schon wieder Tendenzen zur Überregulierung. Es scheint mir höchst fragwürdig, zum Beispiel die Verwendung von Heizöl in neuen Gebäuden zu verbieten. Da erschleichen sich Interessengruppen eigene Vorteile und schränken auf diese Art die Freiheit der Kräfte im Markt ein. Und zwar unvernünftig. Technologieoffenheit und Innovationen werden so begrenzt. Das halte ich für gefährlich.

INTERVIEW: STEPHAN KOSCH, MATTHIAS SCHREIBER

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