Chapman-Ausstellung in Hannover: Bastelstunde für kleine Sadisten

Skandal? Ach was. Mit provokanter, ironischer Kunst haben sich die Künstler Jake und Dinos Chapman in den 1990er Jahren international einen Namen gemacht. Wie kunstfertig und zugleich unzeitgemäß die Arbeiten der beiden Brüder heutzutage wirken, ist derzeit in Hannover zu sehen.

Einer der freundlicheren: Papp-Dino aus der Serie "Hell Sixty-Five Million Years BC". Bild: MARKUS TRETTER

Der Euter glänzt bräunlich und an einer Zitze hängt ein flexibles Rohr, wie man es aus dem Innenleben von Automotoren kennt. Durch dieses Rohr wird der Euter-Inhalt in zwei menschliche Brüste gepumpt, vor denen zwei abgeschlagene menschliche Köpfe saugbereit warten. Aus dem Inneren der Köpfe führen Kabel durch mehrere Gefäße zu einer Art Flaschenzug. Dieser aktiviert einen Hammer, der auf einen Hahnenkopf zielt. Der Hahn sieht tot aus. Er ist das Opfer von einer von insgesamt elf Todesmaschinen, die ihre Schöpfer schlicht "Little Death Machines" genannt haben.

Die Schöpfer sind die britischen Künstler Jake und Dinos Chapman. Die beiden sind Brüder, sie studierten in London am Royal College of Art und wurden in den 1990er Jahren unter dem Label der "Young British Artists" bekannt. Damals brachte der Kunstsammler Charles Saatchi mit seiner Galerie einen Kunsthype ins Rollen und die Brüder Jake und Dinos Chapman schafften es, im Jahr 2000 mit ihrer Monumentalplastik "Hell" das bis dahin teuerste Kunstwerk in Saatchis Sammlung zu stellen.

Mittlerweile ist der Hype vorbei, das Hauptwerk "Hell" wurde bei einem Großbrand 2004 zerstört, aber die Chapman-Brüder gibt es noch. Die Kestner Gesellschaft Hannover zeigt derzeit in der Ausstellung "Memento Moronika" verschiedene Werkgruppen der Chapman-Produktion seit dem Jahr 2004. Deren eindrucksvollste: die "Little Death Machines".

Euter, Penisse und Hirne treffen auf Kanister, Bohrmaschinen und Schraubstöcke. Jede einzelne Maschine tut weh, immer wird abgeschnitten, ausgepresst, totgeschlagen, immer sieht es auf den ersten Blick nach einer bodenständigen Mechanik aus, auf den zweiten Blick offenbart sich, dass die perversen Maschinen keineswegs funktionieren, dass dafür aber beispielsweise aus einem abgeschlagenen Penis ein paar Maden krabbeln. Allerdings sind die Maden aus Bronze, wie auch der Rest der Skulpturen. Bronze, bemalt mit gedeckten Farben.

Skandal-Kunst? Ekel? Schock? Ach was. In erster Linie sind die Maschinen mit ihrer Bauernhofromantik und ihren neurotischen sexuellen Konnotationen auf eine eigentümliche Weise witzig. Es ist die Art von Humor, die den Film "Pulp Fiction" seinerzeit berühmt gemacht hat: Die Form, in der die Botschaft übermittelt wird, passt nicht zur Botschaft. Dazu werden die Grausamkeiten bis ins Groteske übersteigert und verzerrt, letztlich überwiegt das Lächerliche; was an Unbehagen bleibt, ist nicht mehr als ein kleiner Rest. Es ist eine Art der Ironie, die aus den 1990ern stammt und immer noch funktioniert - aber dennoch nicht mehr recht in die Gegenwart passt.

Noch weniger berührend ist, was im Obergeschoss des Hauses passiert: Dort befindet sich ein Tierpark mit Chapman-Wesen. Rieseninsekten mit unnatürlichen Proportionen fliegen durch den Raum, Mutationen von Dinosauriern blecken die Zähne, beißen aufeinander ein, richten die Stacheln auf.

Es handelt sich um Urzeitwesen im Spielzeugformat, gebaut aus billiger Pappe und bemalt mit dreckigen Wasserfarben. Im Nebenraum schweben Papp-Raben über Papp-Traktoren oder Pilzen oder eckigen Papp-Kühen. Der Titel lautet hier "Two Legs Bad, Four Legs Good", eine Anspielung auf George Orwells "Farm der Tiere".

In beiden Räumen sind die Wesen Teil einer Rauminstallation, konterkarieren sie ihre feinen Museums-Sockel und die Perfektion ihrer Hängevorrichtungen. Es sieht aus wie nach einer Bastelstunde im Kindergarten für Sadisten: Das Infantile trifft auf ein brachiales Fressen-und-Gefressen-Werden. Durchaus stimmig. Aber auch recht einfach.

Auch nicht wirklich subtil, aber immerhin subtiler, ist da die Reihe "One day youll no longer be loved": Hier übermalen Jake und Dinos Chapman viktorianischen Portraitbilder, versehen vornehme Gesichter mit Geschwülsten, Einschusslöchern oder Äderchen. Aus Vorzeige-Konterfeis, die im 19. Jahrhundert Reichtum und Ehrenhaftigkeit der britischen Oberschicht darstellen sollten, werden Fratzen. Wobei in jedem dieser Bilder immer beides enthalten ist: das Schöne und das Hässliche.

Die beiden Chapman-Brüder folgen hier einer Strategie, mit der sie bereits früher von sich reden gemacht hatten: 2001 fingen sie damit an, Radierungen von Francisco de Goya zu übermalen. Seinerzeit waren manche Kritiker und Kunstkenner irritiert bis geschockt, genauso wie in den 1990ern, als die Chapman-Brüder mit ihrer Verwendung von Genitalien sowie McDonalds und Nazi-Symbolik noch Aufreger landen konnten.

Was heute in Hannover zu sehen ist, ist gut gemacht und kurzweilig, wirkt durch seine ständige Fixierung auf die ironische Brechung aber eigentümlich verbraucht. Es ist Kunst aus den 1990ern. Und das Interessante ist eigentlich, wie vergangen diese Kunst wirkt - anders gesagt: wie gut geeignet fürs Museum.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de