Carlos-Biopic auf Arte: Der Spieler als Spielfigur

Zwei Abende und 330 Minuten lang zeigt Arte das Leben des Terroristen Carlos. Ein großes Werk über persönliche Eitelkeiten und internationale Zusammenhänge.

Cool aussehen ist nicht alles: Carlos. Bild: ARTE / Jean-Claude Moireau

"Revolutionär müsste man sein", diese Bilanz soll der männliche Fernsehzuschauer wohl angesichts der Anbandelungskünste des Terroristen Carlos ziehen. Ein kurzer Dialog. Eine Handbewegung zwischen die Beine der Frau. Dann Sex.

Arte widmet die kommenden zwei Abende dem internationalen Terrorismus und strahlt die Filmbiografie "Carlos" von Olivier Assayas aus, ein Jahr nachdem sie in den Kinos zu sehen war. Im Gegensatz zur deutschen Kinoversion hat Arte aber eine eigene deutsche Synchronfassung mit deutschen Untertiteln erstellt, die den multinationalen Sprachsituationen des Films viel eher gerecht wird.

Ungewohnt ausführlich – 330 Minuten füllt der ursprünglich als Fernsehproduktion entwickelte Stoff – widmet sich der Film dem Lebenswandel und -werk des Venezolaners Illich Ramírez Sánchez, der sich Mitte der siebziger Jahre international einen Namen als Carlos, der Terrorist, gemacht und insbesondere durch die Geiselnahme im Opec-Hauptquartier in Wien bekannt wurde.

Das blutige Spiel beginnt mit einer Autobombe, bei der der Verbindungsmann der PFLP (Volksfront für die Befreiung Palästinas) Mohamed Boudia in Paris ums Leben kommt. Carlos, gespielt von Édgar Ramírez, bekommt das Angebot, den Posten zu übernehmen, und tut damit den ersten Schritt auf dem Weg zum international gefürchteten Terroristen. An dieser Stelle setzt Olivier Assayas in medias res ein.

Keine Erklärversuche, keine Vorgeschichte

Sein Terroristen-Epos unternimmt keine Erklärungsversuche, lässt Vorgeschichte und Werdegang weg und konzentriert sich auf eine detaillierte Schilderung der Geschehnisse mit klarem Anfangs- und Schlusspunkt. Er fügt all die Lebensstationen, die politischen Verbindungen, die zwischenmenschlichen Kontakte zusammen und erstellt aus der verworrenen Vielzahl an Informationen eine chronologische nachvollziehbare Aufreihung der Ereignisse, deren Lücken er mit fiktionalen Elementen füllt.

Das Bild, das sich dabei aus den einzelnen Mosaiksteinchen zusammensetzt, ist Psychogramm mit Biografischem vermengt. "Glaubst du, dass das alles nur ein Spiel ist?", brüllt Carlos, in Rage gestritten, seiner Frau Magdalena Knopp (Nora von Waldstätten) entgegen. "Das ist ein Krieg! Und wir sind Soldaten!"

In seiner Aufschlüsselung der komplexen internationalen Zusammenhänge, in die Carlos immer tiefer verwoben wird, zeigt Regisseur Olivier Assayas, dass es eben doch nur ein Spiel ist. Ein ernstes und blutiges zwar, aber ein Spiel. Carlos kämpft schon bald nicht mehr für eine revolutionäre Idee, sondern für sein eigenes Machtinteresse. Carlos' große Fehleinschätzung ist dabei, dass er sich als Spieler wähnt und doch nur eine Spielfigur auf dem internationalen Parkett abgibt.

Assayas hat eine spannend erzählte, fast schon klassische Tragödie unserer Zeit hervorragend mit filmischen Mitteln umgesetzt. Er betreibt zumeist keine Mystifizierung, sondern versucht den Menschen Carlos in seiner Komplexität dazustellen. Dass er aber bei manchen Szenen, nicht die gleiche Genauigkeit hat walten lassen, wie er es mit den Requisiten aus den 70ern handhabt, ist schade.

Ob die Verführungskünste von Carlos tatsächlich derart schablonenhaften männlichen Traumvorstellungen entsprochen haben? Und dass beim Überfall auf die Opec-Zentrale in Wien mitten im Winter (21.12.1975) die Herren Terroristen in luftiger Kleidung unter dem grünen Laubdach der Bäume hindurchfahren, grenzt an ein Naturwunder. Bei aller Detailversessenheit schmälert das leider ein bisschen das Vertrauen in die Genauigkeit mit der Historie. Ein toller Film bleibt es dennoch.

"Carlos", Do./Fr., 20./21. Oktober, jeweils 20.15, Arte

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