Bürgerschaft unpolitisch

RESISTENTE ERREGER Ohne Polemik stellt das Parlament Fragen nach dem Tod dreier Frühgeborener im Klinikum Mitte: Für Antworten und Debatten ist es noch zu früh

ESBL: das Enzym Bild: wikimedia

Noch ist das Thema kaum reif für eine politische Debatte: In der Aktuellen Stunde zum Tod dreier Frühgeborener auf der Neonatologie des Klinikums Mitte wurden in der Stadtbürgerschaft gestern Fragen aufgeworfen: Zum gesundheitsbehördlichen Meldewesen, über die PatientInnen-Information, und zum Zentralisierungskurs der Klinik-Holding, also "ob es", so Claudia Bernhard (Die Linke) "eine gute Idee war, die Neonatologien von Nord und Links der Weser zusammenzuziehen".

Antworten gibts aber erst nach Abschluss der Untersuchungen durchs Robert Koch Institut. Und die dauern noch bis Ende des Monats. Darüber hinaus nutzten die gesundheitspolitischen SprecherInnen der vier Fraktionen und Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) die Aussprache vor allem für Beileidsbekundungen an die verwaisten Eltern.

Etwas aus dem Rahmen fiel dabei Rainer Bensch (CDU), der meinte, bei den Todesfällen einen "Rollenkonflikt" Jürgens-Piepers ausgemacht zu haben: Als Aufsichtsratsvorsitzende der Klinikholding Gesundheit Nord müsse sie schließlich auf gute Belegungszahlen hoffen. Als Chefin der Gesundheitsbehörde hingegen hatte sie nun die Pflicht, einen Aufnahmestopp zu verhängen. Offenkundig zerreißts sie aber nicht. "Für mich sind die Gesetze verbindlich", kontert Jürgens-Pieper kühl. "Es gibt keinen Rollenkonflikt." Das wars auch schon mit der Polemik.

Stattdessen wurden vorhandene Informations-Lücken zu Ablauf und Ausmaß der Krise gefüllt. Demnach war am 22. Juli 2011 eine erste Infektion mit Klebsiella-Bakterien festgestellt worden, die durch Extended Spectrum beta-Lactamase, also ein besonderes Enzym, ein Molekül der meisten Antibiotika, das beta-Lactam, spalten können. Die Antibiotika werden dadurch unwirksam. Insgesamt seien 18 Säuglinge betroffen, so Jürgens-Pieper gestern, die meisten allerdings "nur durch Besiedlung" mit dem Keim. Ausgebrochen ist die Krankheit seit Ende Juli bei sieben Babys. Man werde, versprach Jürgens-Pieper, "mögliche Pflichtverletzungen thematisieren". Sehr wahrscheinlich ist, dass im Gesundheitsamt zu lange gewartet wurde: Das seit diesem Sommer geltende Infektionsschutz-Gesetz fordert, dass ein "gemeldetes gehäuftes Auftreten nosokomialer" - also durch sogenannte Krankenhauskeime verursachter - "Infektionen spätestens am dritten Arbeitstag der folgenden Woche" ans Ministerium zu melden ist. Das Klinikum hatte Anfang September das Amt informiert. Die Senatorin erhielt erst nach dem Tod des dritten Frühchens Kenntnis. Eine weitere Pflichtverletzung will Jürgens-Pieper bei den Medien ausgemacht haben. Scharf rügte sie, den "Belagerungszustand" des Klinikums durch "aggressive Journalisten" - und eine Falschmeldung von Radio Bremen.

Die Suche nach der ursprünglichen Infektionsquelle ist schwierig, und nur bedingt aussichtsreich: Ob der Keim aus dem Krankenhaus stammt, oder ob ihn die Mutter des ersten, im Juli erkrankten Kindes, bereits in sich trug, das lässt sich nach so langer Zeit kaum zweifelsfrei nachweisen. Denn während die ESbL-Keime bei ihrer Entdeckung Anfang der 1980er-Jahre noch als rein nosokomiale Phänomene galten, ist zumal die Massentierhaltung mittlerweile als wichtige weitere Brutstätte der Antibiotika-Resistenzen ausgemacht. So hatte ein Team um die Gesundheitswissenschaftlerin Ilse Overdevest im niederländischen Tilburg 2010 bei Hühnerfleisch eine Prävalenzrate von 79,8 nachgewiesen. Dieselben Resistenz-Gene wie beim Fleisch fanden sich auch bei den ESbL-positiven PatientInnen seiner Herkunftsregion. Ähnliche Befunde publizierte im vergangenen Juli die Utrechter Mikrobiologin Maurine Leverstein van Hall vom Rijksinstituut voor Volksgezondheijt: Das handelsfertige Geflügelfleisch war zu 94 Prozent besiedelt, die Menschen zu über einem Drittel. Und 54 Prozent der Verkeimten trugen ESbL-Bakterien in sich, die "genetisch nicht unterscheidbar von den beim Geflügel (Fleisch) gewonnenen" waren, heißt es in der Studie. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat daraufhin Antibiotikavergabe bei der industriellen Mast und den "umfangreichen Tierhandel in der EU" zu Risikofaktoren für die Ausbreitung dieser Bakterienstämme erklärt. Nennenswerte Auswirkungen auf den Konsum hatte das bislang nicht: Auch und gerade in Krankenhäusern wird Geflügelfleisch wegen seiner ernährungsphysiologisch günstigen Eigenschaften geschätzt.

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