Buchmesse: Alles wie gehabt

Mohammed, der Wichtigste unter allen wichtigen und noch wichtigeren Buchmessenbesuchern: Wie die "Titanic" zu einem Ähnlichkeitswettbewerb aufrief und draussen blieb.

Alles wie immer: Auch der Müll muss raus. Bild: dpa

Es ist alles so wie immer in Frankfurt. Beim Einlaufen am ersten Tag stöhnte man über die schlechte Luft in den Hallen und bestätigte sich angestrengt genervt, dass man eigentlich gar keine Lust auf die ganze Sache habe.

Dann: ein Kommentar über den neuen Träger des Deutschen Buchpreises hier, ein Scherz über die Finanzkrise dort und Gesprächsrunden an den Ständen der Presse, in denen Journalisten sich Mühe geben, einem Autor sein Buch zu erklären.

Man ist nichtssagend ins Gespräch vertieft, wirft einen kurzen Blick über die linke oder rechte Schulter des Gegenübers - es gilt schließlich abzuchecken, ob jemand vorbeiläuft, der wirklich wichtig ist. Dann wird das Gespräch abrupt beendet.

Wichtigkeit deuten die nicht ohnehin Wichtigen über die Kürze des Aufenthalts an, "ich bin morgen schon wieder weg", oder über den klagenden Hinweis auf dunkle Augenringe, die Ausdruck dafür sind, dass man auf jeder Party war und demnach alle kennt. Der beste Auftakt in die Partyabende ist der traditionelle Empfang des österreichischen Bundesministeriums für Kunst und Kultur am Mittwoch im Frankfurter Städelmuseum.

Erstens, weil man hier in den Genuss der kulinarischen Überlegenheit der österreichischen Kulturnation kommt, zweitens, weil nach der Ansprache der behäbigen "Frau Ministerin" der Feierdrang ins Unermessliche steigt. Bei den Österreichern klagte man in diesem Jahr über den neuerlichen Erfolg des rechten Lagers bei den Nationalratswahlen vor knapp drei Wochen, klar.

Allein der pietätvolle Umgang mit dem Tod des Haider-Jörgl in der heimischen Presse brachte den ein oder anderen Alpenländer zum Wutausbruch. Zwischen "in Wien sind sogar die Bäume antisemitisch" und "der schnelle Aufstieg des Jörgl erklärt sich aus der Zeit der Gegenreformation in Oberösterreich" geriet Politikanalyse zur Mentalitätsstudie.

Man stellte die Frage, was das für ein Land sei, in dem ein junger Bursche mit einer abgebrochenen Diplomarbeit über Udo Jürgens die Nachfolge von Jörg Haider antreten kann und die Schwester von Haider es einst als Handarbeitslehrerin zur Sozialministerin brachte. Und an der Garderobe stellte man fest, das Zurückgeben der Mäntel geht in Deutschland auch nicht schneller als in Österreich.

Die heurige Buchmesse hatte aber bereits am Mittwochabend ihren eigenen kleinen Skandal. Ein Skandal, der seinen Schatten auf die Türkei als diesjähriges Gastland wirft. Das Satiremagazin Titanic nämlich hatte - nach einem früheren Adorno-Ähnlichkeitswettbewerb - für morgen einen Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb geplant, den es aufgrund angekündigter Interventionen beleidigter Muslime absagen musste.

Ins Rollen gebracht hat das ganze Debakel die türkische Zeitung Sabah Yayinsilik, die die geplante Lesung als Maskenball missverstand und einen missbilligenden Kommentar des türkischen Präsidenten Gül veröffentlichte. In der Titanic-Redaktion gingen via E-Mail wildeste Beschimpfungen aus unterschiedlichen Ländern ein, und am Mittwochabend folgte die obligatorische Bombendrohung.

Nachdem das Landeskriminalamt schließlich die Durchführung der Veranstaltung nur in Begleitung einer Hundertschaft von Polizei sichergestellt sah, zog die Stadt Frankfurt ihre Zusage zurück, der Titanic die Räume des kürzlich eröffneten Caricatura-Museums zur Verfügung zu stellen. Bisher also, so das vorläufige Ergebnis, war Mohammed der Wichtigste bei der diesjährigen Buchmesse. Und wenigstens für einige ist auch insofern alles so wie immer.

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