Brüssel will gechlortes Geflügel erlauben: Das Chlor-Huhn kommt

Gegen den Willen von 20 EU-Mitgliedstaaten soll mit Chlor desinfiziertes US-Fleisch auf den europäischen Markt kommen. Noch unklar ist die Kennzeichnung.

Bald auch lecker Chlorhühnchen? Bild: dpa

BRÜSSEL taz Androulla Vassiliou wusste, dass es eine undankbare Aufgabe wird. Die zyprische EU-Gesundheitskommissarin legte am Mittwochabend trotzdem einen Vorschlag vor: Mit Chlor desinfiziertes Geflügel soll künftig in Europa verkauft werden dürfen. Solche "Chlorhühnchen" waren seit 1997 verboten. Zum Ärger von US-Herstellern - der Importstopp sei eine Form des Protektionismus.

"Jetzt werden wir Überzeugungsarbeit leisten", sagte eine Kommissionssprecherin. Die wird nötig sein: Eine breite Mehrheit der 27 EU-Staaten hatte im Vorfeld Widerstand angekündigt. Neben Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) meldeten noch 20 andere Regierungsvertreter Bedenken an. "Wir erlauben den Chloreinsatz nur unter strengen Auflagen", erklärte nun die Kommission. Die chlorierten Hühnchen müssen gründlich mit Trinkwasser abgespült und für den Verkauf klar gekennzeichnet werden. Auch für die Entsorgung des Chlorwassers gibt es Vorschriften. Nach spätestens zwei Jahren wird das gesamte Regelwerk noch einmal überprüft.

Auf diese Weise wollen Vassiliou und ihre Kollegen gesundheitliche Risiken für die Verbraucher ausschließen. Bestärkt sehen sie sich durch Gutachten der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA. Selbstverständlich gälten die Auflagen für US- und andere Hersteller genauso wie für europäische Produzenten, so die Brüsseler Behörde.

Diplomaten und Beobachter in der Europa-Hauptstadt sind dennoch skeptisch ob der Erfolgsaussichten der Initiative. Wird der Verbraucher erfahren, ob er ein Chlorhühnchen vor sich hat, wenn er in einem Fastfoodrestaurant sitzt?

In Kürze wird sich in Brüssel ein Ausschuss mit den Plänen befassen. Stimmen die darin vertretenen Regierungen mit qualifizierter Mehrheit gegen den Vorschlag, ist er vom Tisch. Zieht sich der Streit aber noch lange hin, tritt ein neuer Akteur auf den Plan: das EU-Parlament. Das bekommt 2009 voraussichtlich mehr Mitspracherechte und hat bereits jetzt massive Bedenken gegen die Chlorhuhn-Initiative angemeldet.

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