Marmor Stein und Eisen Brecht: Brechts Maske
■ Eine Wortmeldung zum 100. Geburtstag
Ich kenne wenig von Brecht. Was ich kenne, ist manchmal so vollkommen, daß ich keine Lust habe, mehr kennenzulernen; es genügt mir. Zum Beispiel das 1942 geschriebene Gedicht
DIE MASKE DES BÖSEN:
„An meiner Wand hängt ein japanisches Holzwerk
Maske eines bösen Dämons, bemalt mit Goldlack
Mitfühlend sehe ich
Die geschwollene Stirnader, andeutend
Wie anstrengend es ist, böse zu sein.“
Ein Fünfzeilengedicht, dem in seiner vertrackten Einfachheit mehr Dialektik innewohnt als dem ganzen Hokuspokus des epischen oder sonstwie Theaters. Das Geheimnis liegt für mich in einem einzigen, an die zentrale Stelle gerückten Wort: „mitfühlend“.
Für seine nach muffiger Gewerkschaftsversammlung riechenden Passionsspiele hatte Brecht sich – in weiser Voraussicht – derlei ja ausdrücklich verbeten. Und wenn ich ratlos, unbelehrt diese „Lehrstücke“ durchblättere, halte ich den Marxismus tatsächlich für einen schlimmen Betriebsunfall in Brechts Leben.
Dieses Gedicht hier, eher melancholisch nach einer Virginia- Zigarre duftend, beweist mir das Gegenteil: Der Marxist Brecht hat einen überraschten und überraschenden Blick auf die Tragik und Komik unserer Gesellschaftsspiele. Das ist befreiend. Und tröstlich. In dem kleinen Text ist ihm gelungen, was im Großen gescheitert ist: das Einfache, das schwer zu machen ist. Jens Sparschuh
Schriftsteller
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