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Bobby Rafiq Bobsens SpätiDas Getuschel unter den Tarnkappen

Foto: Faruk Hosseini

Dem Gefühl nach ist Deutsch ja meine Muttersprache. Jedenfalls ist es die Sprache, mit der ich aufgewachsen bin. Sobald ich als Kind das Haus verließ, ging es in deutsche Sprachräume. Schule, Spielplatz, Hort und Hinterhof – egal, woher wir Kinder kamen, Deutsch war unser Bindemittel. Heute begegnen mir die Sprachen, mit denen meine Eltern aufgewachsen sind, an jeder Straßenecke in Berlin. Ob am Neuköllner Hermannplatz, in der Fußgängerzone in Charlottenburg, am Ring-Center in Lichtenberg oder in der Steglitzer Schloßstraße, überall fliegen einem Wortfetzen auf Dari oder Paschtu entgegen.

Einst suchte man in Berlin mit der Lupe nach Afghan:innen. Keine 500 waren es zu Mauerzeiten im Westteil, danach in ganz Berlin-Brandenburg maximal 4.000 Personen. Heute sind es vermutlich allein in Berlin zehnmal so viele. Nimmt man offizielle Zahlen zu afghanischen Staatsangehörigen, Schätzungen zu Einbürgerungen sowie Folgegenerationen zusammen, dürften es inzwischen über 45.000 mit Ursprung am Hindukusch sein.

Wahnsinn! In den 1980er und 90er Jahren hörte man also selten Afghanisches auf der Straße, sodass meine Familie und ich immer ganz leise wurden, wenn jemand Dari sprach. Es war ein dringliches Flüstern: „Das sind Afghanen“, entfuhr es dann immer meiner Mutter oder meinem Vater, zu meiner Überraschung manchmal auch mir selbst. Als wären wir zur Fahndung ausgeschrieben und hätten nun, nach Jahren unter der Tarnkappe, doch noch auffliegen können. Man wollte sich nicht zu erkennen geben. Wohl auch aus politischen Gründen. Wer wusste denn schon, was die Leute in Afghanistan getrieben haben und zu welcher Familie sie gehörten …? Manchmal merkte man es auch den anderen an, weil sie ähnlich am Tuscheln waren: Herkunftsscham next level.

In Hamburg ist das schon seit vielen Jahrzehnten anders. In den Stadtteilen rund um das elbphilharmonische Zentralgestirn leben mittlerweile bestimmt über 100.000 Menschen afghanischer Abstammung. Wie Berlin als größte „türkische Stadt“ außerhalb der Türkei galt, so ist Hamburg längst eine der größten „afghanischen Städte“ im „Westen“. Wenn Kreuzberg tatsächlich so etwas wie „Küçük İstanbul“ ist, dann steht die Gegend rund um den Hamburger Hauptbahnhof für das „Klein Kabul“ der afghanischen Diaspora.

Ich habe ja schon immer Deutschtürken um die Möglichkeit beneidet, jederzeit in eine türkischsprachige Anonymität abtauchen zu können: Wurzelbeschauung ganz ohne Familie oder sonstige Mischpoke. Eine Wohltat! Daher nie eine Hamburgreise ohne den Steindamm! Kaum ein Laden, in dem nicht auch afghanische Hände mitmischen. Ein Tschotori hier (Wie geht’s?), ein Chodaafis da (Wieder­sehen!), voll gut!

Bobby Rafiq sucht die Welt im Berliner Kiez und den Kiez in der Welt

Und nun befindet sich Berlin auf dem Weg zu Hamburger Verhältnissen. Nach und nach entsteht eine afghanische Infrastruktur Berliner Prägung: Restaurants, Bäckereien und Supermärkte, Kulturinitiativen, Moscheevereine und Musikprojekte. Was Stadtsoziologen „diasporische Räume“ nennen und damit auch ein Sprungbrett der Integration in die sogenannte Aufnahmegesellschaft meinen, wächst und gedeiht nun emsig entlang der Spree.

Einst musste man Af­gha­n:in­nen in Berlin mit der Lupe suchen

Wie durchlässig sie bleiben und wie groß die Identifikation mit Aalmaan sein wird, hängt auch an der Berliner Republik und ihrem Umgang mit Aufnahmeversprechen für Tausende Afghan:innen, die – um ihr Leben bangend – weit weg von hier Deutschland leider nur noch als Synonym für etwas anderes kennen: einen Verrat an ihrem Leben.

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