Wirtschaft: „Bitte informieren Sie sich vor Reisebeginn“
In zehn Tagen werden die ersten S-Bahn-Strecken rund um Stuttgart wegen S 21 gesperrt. Land, Stadt und Region sehen die Verantwortung dafür allein bei der planlos wirkenden DB. In Mithaftung sind die Projektpartner aber trotzdem.
Von Oliver Stenzel undJohanna Henkel-Waidhofer Gründe, sich zu freuen, hat die Deutsche Bahn momentan wenige, woran sie nicht ganz unschuldig ist. Doch am vergangenen Wochenende gab es einen: Von „Rekord-Besucherzahlen“ bei den Tagen der offenen Baustelle kündete eine euphorische Pressemitteilung, „gut 90.000 Besucher“ hätten von Karsamstag bis Ostermontag die Stuttgart-21-Baustelle anschauen wollen, mehr als bei jeder der sieben Veranstaltungenseit 2016. Auf der Tour durch den komplett entkernten Bonatzbau und die neue Tiefbahnhofhalle mit 27 bislang fertigen Kelchstützenkonnten sie dabei sogar Olaf Drescher begegnen, seines Zeichens notorisch gutgelaunter S-21-Projektchef. Am Samstagvormittag stand er mit Zeigestock vor einer Infostation zum zukünftigen „Digitalen Knoten Stuttgart“ und erläuterte, welche Vorteile die Bahnreisendengenießen würden, wenn unter anderem mithilfedes Leitsystems ETCS der gesamte Bahnverkehrin der Region digitalisiert sei.
Was heißt „hinreichend vernünftig“ bei S 21?
Auf weniger euphorische Fragen, warum denn für diese Digitalisierung schon ab dem 21. April umfangreiche Streckensperrungen rund um Stuttgart beginnen würden, war Drescher natürlich vorbereitet. „Ohne Totalsperrung hätten wir wohl ein Jahr länger gebraucht“, sagte er, dann könnte der Bahnhof nicht wie geplant Ende 2025 in Betrieb gehen. Doch die Ausgleichsmaßnahmen seien so, dass „ein hinreichend vernünftiger Verkehr“ gewährleistet sei.
Was unter dem dehnbaren Begriffspaar „hinreichend vernünftig“ zu verstehen ist, werden Pendler:innen demnächst erfahren; maximal planlos wirkte zumindest bislang die Organisation des Ersatzverkehrs durch die DB. Für die erste Sperrung zwischen den Bahnhöfen Bad Cannstatt und Waiblingen konnten kurz vor knapp 80 Busse aufgetrieben werden, für die Fahrer:innen werden momentan noch Unterkünfte gesucht. Für die zweite Sperrung ab Mai auf der Strecke Richtung Böblingen sind die Ausgleichsmaßnahmen noch nicht bekannt, die Bahn will sie in Bälde kommunizieren, heißt es.
Schon früh hatten S-21-Kritiker:innen vor einem Verkehrskollaps durch das Projekt gewarnt, und wie es aussieht, scheinen sie mal wieder richtig zu liegen. Baden-Württembergs SPD-Spitze dagegen ist Selbiges über all die Jahre nicht vergönnt gewesen in ihrer allzu positiven Bewertung von Stuttgart 21. Diesmal bestätigt die Ausnahme die Regel. Klar sei, tönt SPD-Landes- und Fraktionschef Andreas Stoch, dass die Landesregierung nicht schuld sei am drohenden Verkehrskollaps. Klar sei aber auch, dass sie jetzt „massiv tätig“ werden müsse, um die Schäden so gering wie möglich zu halten. Immerhin gehe es um Hunderttausende Betroffene in der gesamten Region.
Im ersten Schreck und Ärger nach der Ankündigung der umfangreichen Bauarbeiten Mitte März – die Projektpartner waren nur einen Tag vor der Öffentlichkeit informiert worden – machte sogar Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) aus seiner Verärgerung kein Hehl: Das Land sei überrascht worden von den Beeinträchtigungen, die so viele Pendler und Pendlerinnen betreffen würden. Schon allein deshalb „hätten die Verantwortlichen das besser machen können“. Um nachzuarbeiten, sollte ein wöchentlicher Jour fixe eingerichtet werden. Vollzug ist noch nicht gemeldet.
Vor allem ein Satz Kretschmanns scheint irgendwie nicht angekommen zu sein: „In der Kommunikation ist noch viel Luft nach oben.“ Der Regierungschef münzte ihn auf die DB, inzwischen gilt er für Stadt und Land ebenso. Denn die Beteiligten sind extrem maulfaul oder verweisen auf die Osterferien, wenn es um Ideen geht, wie das drohende Chaos abzuwenden oder zumindest abzumildern sei. Etwa, wie Fahrgemeinschaften unterstützt werden sollen. Hilfreich sein könnte auch ein Aufruf an Arbeitgeber, Homeoffice zu erleichtern. Immerhin voran kommt die im Verkehrsministerium angedachte Baustellen-Regelung, um Straßen, die gebraucht werden, nicht auch noch zu verknappen. Per Erlass ist geregelt, an Bundesstraßen, darunter die B27 und die B14, auf die Einrichtung von Tagesbaustellen zu verzichten. Landesstraßen könnten folgen.
Die Beteiligten sindextrem maulfaul
Helfen könnte auch eine offensive Planung von Fahrrad-Alternativ-Routen. Die Nahverkehrsgesellschaft des Landes, die NVBW, ist in dieser Sache wohl schon an den Fahrradclub ADFC herangetreten. Wie ein schlechter Witz klingt hingegen, wenn die Bahn jetzt mit dem ausgebauten Angebot an Leihfahrrädern in Stuttgart wirbt: 200 zusätzliche Räder werden zur Verfügung gestellt, zu nutzen 60 Minuten kostenlos und ab 12. Mai. Also drei Wochen zu spät.
An dem dieswöchigen Jour Fixe, von demaber gar nicht klar ist, ob er überhaupt stattfindet, gäbe es jedenfalls viel zu besprechen.ZumBeispiel, warum die Ausfälle und Änderungen nicht schon eingearbeitet sind im Auskunftssystem auf der Bahn-Homepage und den zu buchenden Strecken – zumal wenn die Einschränkungen weit über die Region hinausgehen. Zu Wochenbeginn konnte noch ein TGV von München nach Paris gebucht werden, deram 21. April aber die bayerische Hauptstadtgar nicht anfährt, sondern in Stuttgart endet. Überhaupt können für Online-Tüftler:innen die DB-Baustellen-Infos eine reiche Quelle sein. Dort werden nämlich streckenscharf Einzelheiten mitgeteilt, etwa dass der MEX 19 auf der Murrbahnstrecke den ganzen Sommer über in Backnang statt in Stuttgart enden wird: „Bitte informieren Sie sich vor Reisebeginn!“
Den Vogel schießt der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt ab. Frank Nopper (CDU) hat vor drei Wochen sechs Forderungen nichtnur an die Bahn gerichtet: Von der Sicherstellung des„jederzeit funktionierenden und guten Ersatzverkehrs“ über Sperrungen „so kurz wieirgend möglich“, eine vorbeugende Instandhaltung, den Verzicht auf Straßenbaustellen undeinen finanziellen Ausgleich für die SSB und damit die Fahrgäste. Nur letztere ist nach denbisherigen Veröffentlichungen der Bahn erfüllt.Erkennbar Druck macht der OB aber auch nicht.
Düstere Zukunft fürBahnreisende im Land
So gesehen kommt wieder die SPD ins Spiel, denn wenn deren Landes-Chef Andreas Stoch schon so genau weiß, dass das Land alles besser machen müsste, könnte er den kurzen Draht zum Genossen in der Rathaus-Chefetage Martin Körner suchen und ihm vortragen, dass „bei allem Zeitdruck gute Lösungen für alle Fahrgäste gefunden werden, sei es für Menschen mit Behinderungen oder die besonderen Belange von Schülerinnen und Schülern“. Das Land empört sich zu Recht über die Bahn, „doch Empörung allein bringt nicht einen einzigen Fahrgast ans Ziel“, so der frühere Kultusminister Stoch.
Etwas düster wirkt sie also, die nahe Zukunft für Bahn-Reisende im Land. Wobei auch das letztlich eine Frage der Betrachtung sein mag. Als auf dem Tag der offenen Baustelle eine Presse-Vertreterin das noch ziemlich dunkle Grau des Betons der auf den S-21-Simulationen immer so weiß aussehenden Kelchstützen anmerkt, erklärt der Pressesprecher des Infoturm Stuttgart David Bösinger sogleich, das ändere sich ja noch alles. Die betreffenden Stützen seien noch recht frisch, aber der Spezialbeton werde noch trocknen und an der Oberfläche mit Sauerstoff reagieren, und am Ende – Bösinger zeigt auf schon länger betonierte Kelchstützen – „haben wir eher diese Art von Weiß“. „Diese Art von Weiß“ ist, der bei Farben zuverlässige Kontext-Fotograf schaut prüfend: grau.
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