Birma: "Sanktionen treffen nur die Armen"

Trotz der Unruhen sollten Touristen weiter nach Birma fahren, meint Christine Zabka. Das Militär riegelt derzeit die Klöster ab. Doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, wann es zu Veränderungen komme.

Neue Ausschreitungen? Unwahrscheinlich - denn Polizeiposten kontrollieren Pagoden und Tempel. Bild: dpa

taz: Frau Zabka, nach der Niederschlagung des Mönchs-Aufstandes scheint in Birma eine Friedhofsruhe zu herrschen. Ist das auch Ihr Eindruck?

Zabka: Ich kann da nur den kleinen Einblick wieder geben, den ich auf meiner Reise gewinnen konnte: In Rangun, wo es die blutige Niederschlagung gab, herrscht jetzt eine gespenstische Ruhe. Aber in anderen Gegenden hat man davon gar nichts mitbekommen. In Bagan, wo wir die meiste Zeit waren, gab es drei Tage lang Demonstrationen.

Ist die "Safran-Revolution", wie sie manche nennen, damit schon zu Ende?

Auf keinen Fall! Man muss nur bedenken: In Burma gibt es 500.000 Mönche. Das Militär hat 400.000 Männer - diese beiden Gruppen stehen sich weiterhin gegenüber. Es ist nun eine Frage der Zeit, wann es zu Veränderungen kommt. Aber dass es sie geben wird, davon bin ich überzeugt.

Aber die Klöster sind umstellt von Militärs und Polizisten. Kann es da noch einmal zu solchen Demonstrationen kommen wie Ende September?

Im Moment nicht. In Rangun gibt es die berühmte Schwedagon-Pagode, und rundherum ein Kloster neben dem anderen. Diese Klöster sind Burmas eigentliche Bildungzentren, in ihnen lebt die geistige und religiöse Elite des Landes. Davor stehen jetzt meist fünf oder sechs Soldaten mit geladenen Gewehren. Um die Schwedagon-Pagode wurden große Ringe von Stacheldraht ausgerollt, etwa ein Meter hoch. Dazu kommen Spanische Reiter, die mit Stacheldraht bespannt sind. Sie sind an jeder Ecke postiert, so dass man sofort jede Straße absperren kann.

Ist die Hoffnung auf einen Wandel jetzt zerstoben?

Im Moment herrscht das Gefühl von Trauer und Angst. Nach den Informationen meiner Gesprächspartner sind 3.000 bis 5.000 Menschen aus der Innenstadt von Rangun verschwunden - verschleppt in Gefängnisse oder irgendwelche Lager. Das Internet ist völlig gekappt. Die Leute sind ganz und gar isoliert. Da herrscht jetzt das große Zittern.

Wie wirkt sich das auf den Alltag aus?

Ab 21 Uhr herrscht Ausnahmezustand. Die kleinen Händler und selbst die großen Einkaufszentren schließen ihre Läden aber schon ab 18 Uhr. Deshalb herrscht eigentlich schon ab 20 Uhr eine gespenstische Ruhe. Dann kamen die Nächte der Angst. Und erzählt wurde, dass in der Nacht die Klöster geräumt wurden.

Haben Sie die Brutalitäten des Militärs selbst erlebt?

Nein. Aber die Menschen haben ein großes Bedürfnis, davon zu erzählen. In der Sperrstunde kamen Menschen zu uns und haben uns illegale Videos gezeigt - über die Prasserei des Militärs und die Verarmung der Menschen.

Finden Sie, dass die Sanktionen gegen Burma verschärft werden sollten?

Die Leute in Burma sagen: damit trifft man nur die Armen. Burma war einmal ein reiches Land, die Reisschüssel Asiens, und es gibt Bodenschätze. Aber es ist herunter gewirtschaftet - ohne Korruption kann man dort gar nicht mehr überleben.

Das heißt: Verschärfte Sanktionen würden die Falschen treffen?

Ja. Es wäre gut, wenn man die Militärs boykottieren würde. Denn die holen sich ja alles, was sie brauchen, ins Land. Derzeit aber werden die Sanktionen an jeder Ecke unterlaufen. Und die Menschen bleiben bitterarm.

Muß man Druck auf das chinesische Regime ausüben, um Birma zu helfen?

Ja. China baut vom Norden aus Straßen nach Burma und plündert das Land aus. Aber dem Westen mangelt es an einer eindeutigen Haltung gegenüber Peking.

Sie sind vergangene Woche aus Birma zurück gekehrt. War es schwierig, in das Land einzureisen?

Nein, überhaupt nicht - und das, obwohl wir kurz vor dem Höhepunkt des Aufstandes nach Burma kamen. Die Einreise war so unproblematisch wie in den vergangenen neun Jahren, in denen wir dorthin gefahren sind. Aber in unseren drei letzten Tagen Anfang Oktober, die wir in Rangun waren, haben wir in der ganzen Stadt nur noch zwei Touristen angetroffen.

Sollte man als Tourist das Land jetzt meiden?

Nein, im Gegenteil! Diese Meinung wird von Linken schon seit zehn Jahren vertreten. Aber für die Leute dort ist es unheimlich wichtig, Kontakt ins Ausland zu bekommen.

Kommen die Einnahmen aus dem Tourismus denn nicht auch dem Militär zu gute?

Diese Einnahmen sind ja nicht so erheblich. Wichtiger ist, dass die Menschen in Burma hinter einem eisernen Vorhang leben. Sie sind hungrig nach Information. Außerdem entstehen durch den Tourismus Arbeitsplätze. In den Gegenden, wo es Tourismus gibt, sind die Schulen etwa in einem viel besseren Zustand als anderswo.

INTERVIEW: PHILLIP GESSLER

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben