Berlinische Galerie – Museum für Moderne Kunst: Erotischer Realismus: Lotte Laserstein über das Malen
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Malerinnen sind immer auch Denkerinnen, denen zuzuhören der Kunstgeschichte gut tut. Wie würde es zum Beispiel aussehen, wenn wir ernst nähmen, dass Malerinnen wie Amy Sillman oder Katharina Grosse das Malen selbst als erotisches Erleben beschreiben, als „sexuelle Orientierung“ (Sillman) oder „pure Sexualität“ (Grosse)? Was beide heute schildern – sei es im Humorvollen oder mit Hinwendung zur epistemologischen Realität der Wahrnehmung – hat in der Tat eine lange Tradition, die mindestens auf Lotte Laserstein (1898-1993) zurück geht. Die Ausstellung „Von Angesicht zu Angesicht“ in der BG ist ein deutlicher Spiegel durch die Zeit, hin zu einer Malerin, die immer wieder den Malakt selbst zum Thema macht, sich selbst als Malende ins Bild und zu ihrem Modell Traute Rose in Beziehung setzt. Im Wandtext zu „In meinem Atelier“ (1928) klingt bereits „das Malen selbst als erotischer Akt“ an. Es ist also nicht nur der gemalte Akt, den wir sehen, sondern das Malen selbst, das erotisch erscheint. Aus Gemälden wie „Zwei Mädchen“ (1927) oder „Ich und mein Modell“ (1929/30) übersetzt sich aber vor allem eine Raum einnehmende Geste, ein genüssliches Inszenieren der (Macht-)Konstellationen zwischen malender und gemalter Person. Meist markiert Laserstein Kontrolle, nur um dann in „Vor dem Spiegel“ (1930/31), in ihre Palette versunken, das Schauen ganz Roses Reflexion zu überlassen. Subjekt und Objekt in der Auflösung, genau das ist es, was auch heute die Permeabilität zwischen Künstlerin, Material und Kunstwerk so aufregend macht. nym
Bis 12. 8., Mi.–Mo. 10–18 Uhr, Alte Jakobstr. 124–128 (Ausstellungsräume bis 15. 5. geschlossen); So. 5. 5., 16 Uhr: Lotte Laserstein in Swedish Exile, Diskussion (EN) mit Peter Fors, Anna-Carola Krausse und Annelie Lütgens
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