Berliner Szenen: Computerleiden
Von tausend auf null
Meine Freundin kann zaubern. Gerade sagt sie noch „Ich wünsch mir, mein E-Mail-Posteingang wäre mal wieder leerer“, als genau das passiert. Es passiert etwas anders, als sie gedacht hat, aber okay, man kann sich nicht alles aussuchen im Leben. Aber Inbox auf null hat sie jetzt, so wie damals, 2011, 13. April. Der Tag ist rot im Kalender markiert, weil das war schon was.
Das jetzt ist aber auch was. „Ehm, ich glaub, der Computet …“, fängt sie an. „Der geht nicht mehr.“ – „Ach, Quatsch“, sage ich und fühle mich auf einmal wichtig. Computer kann ich besser als sie. „Rutsch mal.“ Sie rutscht, und ich setz mich vor den Monitor, sehe aber genau dasselbe wie sie: nichts. „Hmm“, sage ich. „Kannste dich an die Statistik erinnern? Prozentsatz an Computerproblemen gelöst durch Installieren, Updaten und so? Null.“ Ich nicke gewichtig. „Und Prozentsatz gelöst durch Ausschalten und dann wieder An-…“ – „Viel höher“, sagt sie. Sie kennt die lustige Grafik.
Ich nicke noch mal. „Na dann.“ – „Aber der macht doch gerade Backup.“ – „Oh“, sage ich, und „Oh“ sagt auch der Herr im Computerladen kurz später. Dann sagt er noch „Tja“ und mehr nicht. „Tja“, sage auch ich. „Computer im Arsch und Backup gleich mit.“ Ich versuche meine Freundin zu trösten. „Neue Festplatte rein, und gut ist.“ – „Ja, aber die Daten.“ – „Weg“, sagt der Herr hinterm Tresen und senkt die Augen. „Weg?“ Meine Freundin guckt entsetzt. „Befürchte schon. Weil Ihr Backup, das ist schließlich auch …“ Er sucht nach Worten. „Im Arsch“, sage ich noch mal wie schon vorhin. Ich bin da nicht so.
Er nickt und räuspert sich, reicht uns die Festplatte mit dem nicht lesbaren Backup drauf einfach wortlos zurück, mit Totengräbermiene. „Oh Gott“, sagt meine Freundin. „Ach was“, sage ich. „Respekt! Von über tausend E-Mails auf null – nicht schlecht so schnell. Und leerer Posteingang fühlt sich doch gut an. Weißte noch, 2011?“ Joey Juschka
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