Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg: Wohlfühl-Kiez mit braunen Flecken

Es wird gepöbelt und geschlagen: Ausgerechnet der Berliner Akademiker-Stadtteil Prenzlauer Berg ist laut einem Bericht des Verfassungsschutzes eine Hochburg rechter Gewalt.

Nicht nur ein Hort für Kinder, sondern auch für rechte Schläger: Stadtteil Prenzlauer Berg Bild: dpa

BERLIN taz Ausgerechnet Prenzlauer Berg. Ausgerechnet jener Berliner Stadtteil, der bundesweit für hohe Lebensqualität und Kinderfreundlichkeit steht, ist eine Hochburg der Rechten. Für keinen Hauptstadt-Kiez verzeichnet ein neuer Bericht des Landesverfassungsschutzes für die Jahre 2003 bis 2006 mehr rechte Gewalttaten. Berlins Innensenator konstatiert eine "zunehmende Aggressivität" vor allem im Ostteil der Stadt und macht dafür die NPD mitverantwortlich.

Allein in Prenzlauer Berg, das zum Ostbezirk Pankow gehört, geschahen in dieser Zeit zwölf Prozent aller rechten Gewalttaten in Berlin. 37-mal schlugen, pöbelten oder drohten vor allem junge Männer derart, dass es der Staatsschutz als "politisch motiviert" einstufte. Damit rangiert der Rot-Grün wählende Szenekiez noch vor dem armen Lichtenberg. Dieser Bezirk gerät seit der Wende immer wieder als Hochburg rechtsextremer und rechtsradikaler Aktivisten in die Schlagzeilen. Insgesamt verzeichnet der Verfassungsschutz für die vier Jahre 300 Gewaltdelikte, fast die Hälfte davon in fünf östlichen Kiezen.

Am meisten überrascht der unrühmliche Spitzenplatz von Prenzlauer Berg. Seit der Maueröffnung haben sich der Kiez und seine Einwohnerschaft radikal gewandelt. Aus der zerfallenden Heimstatt für DDR-Oppositionelle ist ein innenstadtnahes Paradies für zugezogene Akademiker geworden. Weil so viele Kinder das Straßenbild prägen, wird Prenzlauer Berg regelmäßig zum Kindergarten der Republik stilisiert. Dabei bekommen die Frauen hier gar nicht mehr Sprösslinge als andernorts. Nur ist jeder zweite "Prenzlberger" zwischen 25 und 45 Jahren. Also in einem Alter, in dem Menschen meist Familien gründen.

Dass ausgerechnet hier die meisten rechten Gewalttaten geschehen, hat viele Gründe. "In Prenzlauer Berg findet viel Leben im öffentlichen Raum statt", sagt Pankows Bürgermeister Matthias Köhne (SPD). Den Bezirk durchziehen viele große Straßen sowie U- und S-Bahn-Linien. An solchen Verkehrsknotenpunkten geschahen die meisten Straftaten. Doch die Täter fahren nicht zum Prügeln in den Kiez - sie stammen ganz überwiegend von dort. Neben den beliebten Café-Meilen am Kollwitz- und Helmholtz-Platz prägen Plattenbausiedlungen aus DDR-Zeiten den Bezirk. Dort ortet Bürgermeister Köhne den Ursprung der Gewalt. In mehr als einem Drittel der Fälle wohnten die Täter nicht weiter als 2,5 Kilometer vom Tatort entfernt.

Trotz der vielen Straftaten urteilt Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD): "Pankow hat Schwein gehabt." Denn die Tatorte lägen dort zu weit voneinander entfernt, um ein Quartier zu prägen. Pankow ist mit rund 350.000 Einwohnern Berlins größter Bezirk. Davon wohnen mehr als 140.000 Menschen in Prenzlauer Berg.

Wenn auch die Zahl rechter Gewalttaten in Berlin laut Statistik leicht abgenommen hat, sieht der Innensenator eine Gefahr aufkommen: eine Verknüpfung von rechten Schlägern mit der NPD. Die Funktionäre der rechtsextremen Partei würden zwar nicht selber zuschlagen, sagt Körting. Sie bereiteten aber mit ihrer "verfassungsfeindlichen und rassistischen Propaganda ein Klima, in dem solche Taten gedeihen."

In vier der zwölf Bezirke schaffte die Partei 2006 den Einzug ins Kommunalparlament. Nicht so in Pankow. Dort ließ die NPD den "Republikanern" den Vortritt. Die erreichten dort 3,1 Prozent der Stimmen und stellen seither einen Abgeordneten. An ihm könne die rechte Gewalt in der Grünen-Hochburg kaum liegen, glaubt Bezirksbürgermeister Köhne: "Der ist recht zahm. Was allerdings im Untergrund geschieht, ist schwer zu sagen."

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