Berlin im Zeichen von Corona: „Es wird noch sehr ernst werden“

Die jungen Leute seien zu unbekümmert, sagt der Berliner Internist Kai Schorn. In seiner Praxis melden sich jetzt vermehrt Patienten Anfang 20.

Geschlossene Kneipe in Friedrichshain

Shut-Down in Berlin-Friedrichshain Foto: dpa

taz: Herr Schorn, Charlottenburg-Wilmersdorf hat die höchste positive Testrate von Sars-CoV-2 in Berlin. Wie erklären Sie sich das?

Kai Schorn: Wir haben es hier verstärkt mit gut situierten, selbstbewussten Patienten zu tun, die in der Lage sind, medizinische Maßnahmen einzufordern. Und wir haben wahrscheinlich bessere Kapazitäten zu testen, als andere Stadtteile, wo die Patienten von Hausärzten vielfach an die Testcenter verwiesen werden. Deswegen scheint es so, als hätten wir die höchste Infektionsrate, dabei wird das in den anderen Bezirken genauso sein.

Bessere Möglichkeiten zu testen – was heißt das?

Wir als Gemeinschaftspraxis lassen unsere Patienten den Abstrich zu Hause selbst durchführen. Den geben sie dann bei uns ab. Wir machen das nur mit telefonischer Rücksprache und nur bei Patienten, die wir kennen. Keiner darf einfach so in die Praxis kommen.

Kai Schorn

(56) ist Internist in Charlottenburg und Vorstand der Ärztlichen Akademie Charlottenburg-Wilmersdorf, in der 25 Hausärzte organisiert sind.

Es wird wirklich schlimm kommen, hat der Chefvirologe der Charité, Christian Drosten, vor zwei Tagen prophezeit. Wie sehen Sie das?

Ich glaube auch, dass es noch sehr ernst werden wird. Die Maßnahmen, die Berlin ergriffen hat, reichen nicht aus. Die Großstädte kommen um eine Ausgangssperre nicht herum. Die Leute nehmen die Maßnahmen zum Infektionsschutz sonst nicht ernst.

Woran machen Sie das fest?

In unserer Praxis melden sich jetzt auffällig viele junge Leute. Das war letzte Woche noch ganz anders. Heute früh hatte ich schon mehrere telefonische Beratungen mit Patienten Anfang 20, die jetzt krank sind.

Was sind das für Beschwerden?

Die typischen Symptome: Halsschmerzen, Abgeschlagenheit, teilweise Fieber. Die jungen Leute sind noch zu unbekümmert. Deshalb explodieren die Infektionsfälle gerade so. Mein Appell wäre insbesondere noch mal an die Jugend: Haltet euch verdammt noch mal an die Empfehlungen. Bleibt zu Hause! Nach der letzten Statistik in Italien sind dort auch meistens jüngere Leute infiziert. Sie sind in der Regel nicht die, die auf den lntensivstationen liegen, aber sie sind die Verbreiter.

Sie gehören einem Charlottenburger Netzwerk von 25 Hausärzten an. Wie kommen Sie alle mit der Anforderung klar?

Jede Praxis regelt das allein für sich. Es gibt keine klare Anleitung von der Kassenärzlichen Vereinigung oder der Gesundheitsverwaltung, wie man als Hausarzt verfahren soll. Unsere Praxis hat jetzt entschieden, dass wir alle Routinepatienten abbestellen. Wir machen fast nur noch Telefonsprechstunde. Ab Montag versuchen wir auch, Videosprechstunde zu machen. Allen, die Erkältungssymptome haben, es ansonsten aber gut geht, raten wir: Bleibt zu Hause und ruft uns an, wenn ihr Sorgen habt.

Woran hapert es?

Obwohl alle Hausärzte Internet haben, müssen wir unsere Meldungen über Infektionsfälle immer noch per Fax an das Gesundheitsamt schicken. Die Infizierten sind ja meldepflichtig. Das heißt, man muss das Formular händisch ausfüllen, ausdrucken und faxen. Warum gibt es nicht schon längst eine zentrale App, wo man die Leute online melden kann? Auch eine App, wo sich freiwillige Helfer, pensionierte Ärzte etwa, melden könnten, wäre sinnvoll. Die Charité hat inzwischen eine super App. Da kann man Fragen stellen und es gibt eine klare Handlungsanweisung.

Wo sehen Sie Berlin in einer Woche?

Wir beurteilen die Lage jeden Tag neu.

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