Bericht eines Autobrand-Betroffenen: Die Kassetten haben überlebt

In Berlin-Kreuzberg ist ein alter Golf angezündet worden. Sein Besitzer vermied es, den Wagen neben teuren Modellen zu parken. Der Bericht eines betroffenen Autobesitzers.

Der ausgebrannte Golf in Berlin-Kreuzberg. Bild: Jan Christensen

BERLIN taz | Mehrere hundert Auots sind Berlin in diesem Jahr bereits angezündet worden. Über die Täter weiß man bisher wenig. Die Polizei geht davon aus, dass nur ein Drittel bis maximal die Hälfer aller Brandstfitungen ein politisches Motiv haben könnte. Nun hat es den VW Golf von taz-Leser Jan Christensen getroffen. Die taz dokumentiert seinen Bericht:

Es klingelt Sturm. Schlaftrunken nehme ich den Hörer der Sprechanlage ab, sage aber nichts. Eine klare Männerstimme erkundigte sich nach meinem Namen. Dann kommt es: "Hier spricht die Polizei. Herr Christensen, die Autobrandstifter sind wieder unterwegs. Leider wurde auch Ihr Fahrzeug in Mitleidenschaft gezogen."

Auf dem Weg nach unten hoffe ich, dass der Regen die Flammen gebremst hat. Dann muss ich mir eingestehen, dass ich mir unter "Mitleidenschaft" weniger vorgestellt habe. Das Schauspiel habe ich zum Glück verpasst. Ich wohne im Hinterhof.

Die Brandstiftungen: Seit Jahresanfang wurden in der Hauptstadt weit über 500 Autos durch Feuer zerstört oder beschädigt. Bei allenfalls der Hälfte der Taten aus diesem Jahr vermutet die Polizei politisch motivierte Brandstifter aus linksextremen Kreisen. Sie zielen vor allem auf teure Automarken wie Audi, BMW und Mercedes. Alledrings ist die Statistik ungenau, da es in vielen Fällen zu wenig Indizien gebe. Einziger wirklich bekannter Fakt: man weiß bisher sehr wenig über die Täter.

Der Fall Graefekiez: Vorigen Mittwochmorgen brannten im Graefekiez ein VW Golf und zwei Kräder. Die Polizei nahm in Tatortnähe einen 28-jährigen, bereits verurteilten Autobrandstifter fest, ließ ihn aber mangels "dringenden Tatverdachts" wieder frei.

Prozess: Ein anderer mutmaßlicher Brandstifter steht am Dienstag vor Gericht. Der 36-jährige Ian H. soll im Juni in Lichtenberg einen Mercedes einer Gastwirtin angezündet haben. Kneipengäste hielten den Mann fest. Er sitzt seitdem in U-Haft. Zudem soll H. am 1. Mai 2011 in der Walpurgisnacht in Friedrichshain zwei Glasflaschen auf Polizisten geworfen haben.

Drei Punks laufen vorbei. Aufgewühlt, wie ich bin, rege ich mich im Stillen auf, dass niemand kontrolliert wird. Den Polizisten frage ich, wo denn der Hubschrauber mit der Wärmekamera sei. Es seien etliche Zivilfahnder unterwegs, sagt er. Wir sollen auf die Kripo warten.

Am Wochenende war das Auto in der Werkstatt

Mein Auto war ein 26 Jahre alter Golf. Ich hatte es vor vier Jahren von meinem Opa übernommen, als seine Demenz noch die Einsicht zuließ, dass er es selbst nicht mehr brauchen würde. Ich hatte ein paar Sachen ersetzen müssen, legte es dann aber still, weil ich beruflich kein Auto mehr brauchte. Erst diesen Sommer holte ich es wieder raus, wir machten Familienbesuche von der Ostsee bis Belgien. Inzwischen gab es in Berlin keine Verwendung mehr dafür.

Aber mein Bruder brauchte als frisch gebackener Vater ein Auto. Am kommenden Wochenende sollte er es bekommen. Dass daraus nichts wird, hat uns beide betroffen gemacht. Gerade hatte ich noch mal richtig investiert. Ich wollte nicht, dass mein Neffe wegen eines defekten Zahnriemens auf einer Landstraße liegen bleibt. Am Wochenende war das Auto in der Werkstatt.

Merkwürdig, aber mein einziger Stress war neben der Parkplatzsuche die Angst, neben einem teuren Auto zu stehen, das Opfer eines Anschlags wird. Ein Kollege von mir parkt seins um, wenn ein edles Modell daneben steht. Also war ich froh, als der Wagen übers Wochenende weg war. Schließlich würde niemand ein Auto auf einem Werkstatthof in Tempelhof anzünden.

Ich habe mich schon länger gefragt, wann im Gräfekiez ein Auto brennen würde, schließlich prosperiert der seit Jahren. Meine Gedanken gingen so weit, zu hoffen, ein potenzieller Brandstifter würde Rücksicht auf mein Auto nehmen, das offensichtlich alt war und sich keinem bestimmten Milieu zuordnen ließ. Dass der Anschlag nun einzig und allein meinem Auto gegolten hat, macht mich sprachlos.

Als wäre ein Familienmitglied gestorben

Also Facebook. Ich weiß nicht, was ich mir davon erhofft habe, vielleicht etwas Zuspruch. Ich schreibe: "Ich bin ratlos. Sieht mein 26 Jahre alter Golf aus wie ein BMW? Ich wohne seit zehn Jahren in meinem Kiez. Die Polizei spricht von Trittbrettfahrern." Später drücken knapp die Hälfte meiner Freunde ihren Ärger und ihr Mitgefühl aus. Hilft das? Ich weiß es nicht.

Mir ist auch schon gelungen, die Sache irgendwie positiv zu sehen. Durch die Abmeldung bekomme ich ein Dreivierteljahr an Steuer zurück. Das gleicht die Werkstatt ungefähr aus. Klar, die Rechnung hinkt. Aber das Feuer hat den Innenraum kaum beschädigt, Radio und Kassetten sind erhalten geblieben. Ich glaube, es hätte mich mehr getroffen, wenn meine A-ha-Kassette verbrannt wäre, die ich zuletzt wieder laut mitgesungen hatte.

Mein Vater hat schon dreimal angerufen, weil er die Möglichkeit, das Auto zu restaurieren, nicht aufgeben will. Er hat es nicht gesehen. Meine Mutter ist betroffen, als wäre ein Familienmitglied gestorben. Irgendwie stimmt es ja. Mein Opa, der sein Auto inzwischen nicht mehr erkennen würde, hatte es wie seinen Augapfel gehütet. Ich selbst frage mich, was für ein Gefühl mich da wurmt. Das Auto war abflugbereit.

Mein einziger Verlust sind die Kosten, die es verursacht hat. Dieses Jahr knapp 600 Euro. Vielleicht ist es nicht schlecht, dass es weg ist? Die Möglichkeit, das Auto instand zu setzen, liegt jedenfalls in weiter Ferne, mindestens so weit wie der Staatsschutz, wo es jetzt steht.

Vorgefertigte Meinungen

Neu sind jetzt die Gespräche mit Leuten, die sich für die Sache interessieren. Ich bin ein willkommener Gesprächspartner für vorgefertigte Meinungen aller Couleur. Dass zu wenig Polizisten unterwegs seien, dass man den Brandstiftern keine schwierige Kindheit nachsehen sollte. Mein bester Freund schreibt via SMS: Da könnte man glatt konservativ wählen. Guter Witz.

Die Betroffenheit der anderen macht mich verlegen. Ich sage öfters etwas Positives, um ihnen zu zeigen: Hey, es ist gar nicht so schlimm! Meine Freundin hat vom Exvermieter eine Nachforderung wegen "Sachbeschädigung" an ihrer alten Bruchbude bekommen - das ist schlimm!

Ein Verdächtiger wird geschnappt, das macht mir Mut. Zumindest muss ich mir nicht weiter Gedanken machen, warum ich das Opfer war. Der Typ soll so was schon häufiger gemacht haben, nicht politisch motiviert. Jetzt ist er wieder frei.

Als wir in der Brandnacht um halb fünf auf die Kripo warten, ist an Schlafen nicht zu denken. Schließlich führen wir das Gespräch über die Sprechanlage: Ob ich Feinde habe? Na bitte, doch ein wenig Tatort.

Am Tag danach leide ich unter Schlafmangel. Es tut gut, dass ich mit Kindern arbeiten kann, aber ich komme nicht darum herum, meine Honorarkräfte zu warnen: "Das war mein Auto in den Nachrichten". Betroffenheit. Beim Basketball sage ich nichts. Auch die Facebook-Meldung ist noch nicht angekommen, das tut gut. Endlich mal kein Mitgefühl.

Abends dann doch die Frage: Warum gerade ich? In ganz Kreuzberg brennt ein Auto - meins. Was hat das für einen Sinn? Mein Bruder ruft auch an. Wir haben einen ähnlichen Gedanken: Man weiß noch nicht, was es für Folgen hat, aber vielleicht sind es ja gute. Ein paar Pläne müssen umgeschmiedet werden. Ein altes Auto mit einem undichten Schiebedach spielt darin keine Rolle mehr.

Einmal zahlen
.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben