Benjamin Moldenhauer Popmusik und Eigensinn: Tiefes Einverständnis
Die biedere Oberflächlichkeit des neuen deutschen Pop wurde oft bespöttelt: Max Giesinger („Wann halt ich an und hör auf wegzulaufen / Weil ich Zuhause vermiss“) über AnnenMayKantereit („Ich würd’gern mit dir in ’ner Altbauwohnung wohnen“) bis hin zu Adel Tawil. Der singt mit Annette Humpe beim erfolgreichen Duo Ich + Ich, an dem sich nachvollziehen lässt, was sich im Deutschpop von der versuchten romantisierten Störung des Betriebsablaufs zu einem tiefen Einverständnis mit dem verschoben hat, was ist. Humpe sang einst bei Ideal („Komm wir lassen uns erschießen / an der Mauer Hand und Hand“). Ich + Ich stellen große Fragen so, dass man gar keine Antwort mehr braucht: „Wann ist es endlich richtig? / Wann macht es einen Sinn? / Ich werde es erst wissen / Wenn ich angekommen bin“. Das ist nicht richtig, nicht falsch, nicht wahr und nicht gelogen. Die große Qualität dieser Musik liegt in ihrem Versprechen auf Tiefe bei gleichzeitiger Vermeidung von allem, was einen irgendwie auch nur leise irritieren oder fordern könnte.
Auf seinem aktuellem Album „Alles lebt“ konstruiert Adel Tawil formvollendet eine Welt, in der keiner Böses will und in der in diesem Sinne alles gut ist. Rassismus wird beschrieben als „dunkle Gedanken hinter einsamen Fenstern“ („Dabei sind wir doch beide von hier“), Liebe wiederum wird in eher beklemmenden, identitären Bildern besungen: „Der Himmel reißt auf und das Meer will sich verneigen / vor dieser Liebe / wir sind wie aus einer DNA“. Nicht zuletzt bedeutet all das die Glück versprechende künstlerische Negation der Wirklichkeit. Selbst eine Atombombenexplosion kann das lyrische Ich nicht aus den etablierten Koordinaten sprengen: „Was macht man mit diesem kleinen Rest geschenkter Zeit? / Ich atme aus, ich atme ein / Die Sekunden verstreichen, ich bin wie geblendet / Die Welt sieht schön aus, so kurz vor ihrem Ende“. Noch der Weltuntergang wird zum banalen Vorgang. Das kann sonst keiner.
Mi, 15. 1., 20 Uhr, Pier 2
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