piwik no script img

berliner szenenBeim Schreien spuckt er

Mama, wann sind wir da? Ich kann kaum atmen!“, stöhnt meine Tochter im überfüllten Schienenersatzverkehrbus. Ich sehe aus dem Fenster: Wir befinden uns noch immer in Neukölln. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie der Bus fährt, und sage: „Ich weiß es nicht. Da müssen wir jetzt durch.“ Die Frau neben mir zückt einen Stadtplan: „Wo wollen Sie denn hin?“ Meine Tochter ruft: „Ins FEZ!“ Die Frau lächelt: „Da können Sie bis zur Endhaltestelle Plänterwald durchfahren.“ Meine Tochter ruft: „Mann, Mama, bis dahin ersticke ich doch!“

In dem Moment nimmt ein Typ ohne Maske neben meiner Tochter Platz. Sie fragt: „Und warum muss ich eine Maske tragen und der nicht? Der ist doch schon über 6 Jahre! Das ist nicht fair!“ Ich wispere: „Der muss das auch. Er macht es nur nicht. Aber ab heute ist das strafbar.“ Meine Tochter gibt sich mit der Antwort zufrieden. Der Maskenmuffel aber fängt an, laut zu schimpfen: „Ein Kind Maske tragen lassen! Voll asozial! Wie behindert kann man sein? Das ist Freiheitsberaubung!“ Er wird immer lauter: „Corona, Alter! Wie kann man so eine Scheiße glauben! Vollpfosten, alle! Voll verblendet!“ Beim Schreien spuckt er.

Ich werfe dem Typen einen bösen Blick zu. Er starrt dermaßen aggressiv zurück, dass ich mich schnell abwende. Die Frau mit dem Stadtplan wispert: „Einfach ignorieren!“ Ich versuche es. Aber sein lautstarkes Schimpfen ist sehr irritierend. Sein Spucken noch mehr. Er redet sich immer mehr in Rage. Wenn ich jetzt dagegenhalte, denke ich, schlägt er zu. Als er endlich aussteigt, atme nicht nur ich auf. Die Frau neben mir meint: „Eigentlich müsste man jetzt die Polizei rufen. Aber bis die kommt, ist der schon über alle Berge.“ Nachdenklich fügt sie hinzu: „Was bringt eine Maskenpflicht, wenn die Einhaltung nicht kontrolliert wird?“

Eva-Lena Lörzer

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen