Berliner Szenen: Beim Casting
Eine Frage des Styles
Er steht vorm Spiegel und betrachtet seine Frisur. Das tut er nicht nur morgens vor dem Spiegel. Er tut es auch in Schaufenstern. In S-Bahn-Fenstern. Sogar im Schleiflackklavier. Es ist wichtig, wie die Haare liegen. Fast noch wichtiger als die Frage, ob Schuhe und Jacke vom „Style“ zur Hose passen oder ob man sie lieber noch mal wechselt, bevor man die Wohnung verlässt. An Tagen mit Sport – und das sind eigentlich fast alle außer Freitag – ist auch die Unterwäsche wichtig. Man wird ja gesehen.
Mein Sohn ist neun. Wenn ich mir das so ansehe, frage ich mich oft, wie es dazu kommen konnte, dass er so viel Wert auf sein Äußeres legt, während seine Eltern froh sind, wenn die Sachen, die sie tragen, heil und sauber sind. Na ja, vielleicht gerade deshalb. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass er irgendwann wissen wollte, wie die Kinder in die Werbung kommen. Und das auch wollte. Unbedingt. Ich suche im Internet eine Casting-Agentur für Kinder heraus, die mir am unaufgeregtesten aussieht, und mache die Bewerbung fertig. Genauso schnell vergesse ich es wieder.
Bis diese Mail kommt: „Hallo. Wir möchten dich gern in unsere Kartei aufnehmen und laden dich zu einem Fotoshooting in unsere Agentur ein.“
Gleich nach der Schule fahren wir zu dem Termin. Mein Sohn – anfangs etwas schüchtern – ist hellwach, als er hört, dass Zalando hier Auftraggeber ist. Jetzt will er sofort die Fotos machen lassen. Die Schüchternheit ist weg.
Er posiert vor der Kamera, als hätte er noch nie was anderes getan. Als wir wieder draußen sind, fragt mein Sohn: „ Mama, warum hat die Fotografin eigentlich immer so gelacht?“– „Na ja“, sagte ich, „vielleicht war die einfach ein bisschen unsicher.“ – „Klar, kann sein, war ich am Anfang ja auch. Nächstes Mal ist die dann bestimmt entspannter. Dann kennt sie mich ja schon.“ Gaby Coldewey
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen