Basketball: Quakenbrücker Drachen im Finale

Die Artland Dragons aus Quakenbrück schalten nach Alba Berlin auch Titelverteidiger Köln aus. Im Finale gegen Bamberg sind sie erstmals keine Außenseiter.

Lamont Mcintosh nach dem Sieg Bild: dpa

KÖLN taz Am Ende der Halbzeitpause war das große Glas mit den Ohrenstöpseln, das im VIP-Zelt des Kölner Energy Domes stand, restlos leer. Denn die 3.200 Menschen erzeugten während der entscheidenden Playoff-Halbfinalpartie in der Basketball-Bundesliga zwischen RheinEnergie Köln und den Artland Dragons einen fast schmerzhaften Krach, und obwohl der Gastgeber am Ende klar und chancenlos mit 60:84 gegen die Artland Dragons verlor und den Finaleinzug verpasste, wurde es nicht leiser, als das Spiel beendet war. Die knapp 1.000 mitgereisten Quakenbrücker feierten, sangen und kreischten, als gäbe es kein Morgen. Sie stehen nach dem 3:2 im Halbfinalduell gegen Titelverteidiger Köln erstmals in einem Finale um die Deutsche Meisterschaft. "Unglaublich, niemand hat das erwartet, weil wir aus so einer winzig kleinen Stadt kommen", sagte Adam Hess stolz.

Es ist ein Märchen, das sich dort in Quakenbrück ereignet. Im Viertelfinale eliminierten die Dragons Alba Berlin, das beste Team der regulären Saison mit 3:0, nun auch Titelverteidiger Köln, und als Nächstes müssen die Brose Baskets Bamberg zittern. Dabei ist der Klub aus der 13.000-Einwohner-Stadt zwischen Osnabrück und Oldenburg erst 2003 in die Bundesliga aufgestiegen, Achter waren sie nach der regulären Saison, doch nun erklärte Kölns Trainer Sasa Obradovic voller Anerkennung: "Wir haben gegen einen sehr starken Gegner verloren, der definitiv auch eine Chance gegen Bamberg haben wird."

Es ist die überzeugende Symbiose zweier Faktoren, die diesem ziemlich überraschenden Erfolg zugrunde liegt. Zum einen ist die Mannschaft mehr als nur eine professionell zusammenarbeitende Einheit. "Die Spieler haben direkt im Trainingslager zusammengefunden, sie verbringen ihre gesamte Freizeit miteinander, und das zahlt sich aus in solchen Extremsituation wie einem fünften Playoff-Spiel auswärts aus", sagte Trainer Chris Fleming. Zum anderen wird das Team von vollkommen entfesselten Fans unterstützt. Die Arena in Quakenbrück war zuletzt 68-mal hintereinander ausverkauft, und angetrieben vom wahrscheinlich wildesten Maskottchen des deutschen Sports, einem enthemmt umherhüpfenden Drachen, dominierten die Norddeutschen auch den Kölner Energy Dome scheinbar spielerisch. "Wir kamen in die Halle, haben gesehen, wie unsere Fans den Kölner Fans den Schneid abgekauft haben", sagte Jan Rohdewald, der 34-jährige Defensivspezialist, da habe er gewusst, dass dieser Abend ein gutes Ende finden würde.

Offenbar haben die Artland Dragons das Kunststück vollbracht, den vermeintlichen Nachteil eines kleinen Standortes in einen Vorteil zu wenden. "In Quakenbrück ist nichts los außer Basketball, aber das ist auch wirklich los", sagte Rohdewald. Der Ort ist übersichtlich und heimelig, im altmodischen Café Cassellius vertreiben sich die Spieler ihre Freizeit und schmieden den Mannschaftsgeist, Trainer Fleming logiert direkt über der Geschäftsstelle um die Ecke, und Manager Marko Beens wohnt ein Stockwerk drüber. "Bei uns geht es etwas menschlicher zu als anderswo", hat Beens einmal gesagt. Zudem lässt sich die gesamte Stadt angesichts mangelnder Freizeitalternativen vom Basketballfieber anstecken und entfacht eine Schubkraft, der die ausgewiesenen Partyexperten aus Köln nichts entgegenzusetzen hatten.

Aber natürlich gehört zu einem solchen Erfolg mehr als nur Freundschaft und Begeisterung. "Die Dragons haben einen Klub mit hervorragender Infrastruktur geschaffen, es wird langfristig gedacht und gearbeitet", erläuterte der Kölner Sportdirektor Stephan Baeck fast bewundernd. Mit dem Etat von 2 Millionen Euro, etwa einem Drittel der Summe, die Großklubs wie Köln oder Berlin einsetzen, haben Fleming und Beens ein Team zusammengestellt, das auch individuell beachtlich besetzt ist. Mit Adam Hess, dem 118 Kilo schweren Publikumsliebling Darius Hill und dem Puerto Ricaner Filiberto Riviera haben sie vor der Saison neue Spieler verpflichtet, die die Playoffs bislang geprägt haben. Der achte Platz in der regulären Saison sei aufgrund einer ungewöhnlichen Anhäufung von Verletzungen kein Indiz für die wahre Stärke der Mannschaft. Im Nachhinein erweise sich diese Platzierung sogar als Erfolgsgeheimnis. "Ich liebe diese Arroganz uns gegenüber", sagte Rohdewald zufrieden, doch jetzt sind sie Finalist, und in der am Sonntag beginnenden Serie gegen Bamberg (17:05 Uhr, live auf Premiere) werden die Quakenbrücker diesen Komfort überheblicher Gegner wohl kaum noch genießen können.

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