Basketball: Und Nowitzki brüllt

Mit einem gut gelaunten und treffsicheren NBA-Star Nowitzki bereitet sich die deutsche Basketball-Nationalteam auf die Europameisterschaft vor.

Brilliant, aber pessimistisch: Dirk Nowitzki. Bild: dpa

MANNHEIM taz Ein inbrünstiger Schrei begleitete die sehenswerte Aktion. Von zwei Chinesen in Doppeldeckung genommen, pflügt sich Dirk Nowitzki zum Korb und brüllt den Ball durch die Reuse. Im vergangenen Jahr wäre das nicht möglich gewesen. Im Sommer 2006 war der 2,13 Meter große Nationalspieler direkt nach dem verlorenen NBA-Finale zum Nationalteam gestoßen. Der Akku war lehr, die Beine schwach. Die Folge: Deutschland war bei der WM in Japan Ende September nur Achter geworden. Zwei Wochen vor der Europameisterschaft in Spanien (3. bis 16. September) ist alles anders. "Dirk ist erheblich weiter als im vergangenen Jahr", sagt Trainer Dirk Bauermann. "Er ist freier im Kopf und hat große Lust auf Basketball. Das tut allen gut." Zu beobachten war dies am vergangenen Wochenende in einer Mini-Serie gegen die Auswahl der Volksrepublik China.

Nach einem deutlichen 88:55-Erfolg in Hamburg hatte die Auswahl des Deutschen Basketball Bundes (DBB) am Sonntag in der mit 12.500 Zuschauern ausverkauften SAP-Arena in Mannheim wesentlich mehr Mühe: Mit 76:71 und nur dank eines überragenden Nowitzki, der 10 seiner 30 Punkte im letzten Viertel erzielte, behielten die Deutschen die Oberhand. "Dass Dirk schon im zweiten Vorbereitungsspiel 30 Punkte macht, ist eine gutes Zeichen", so Bauermann. Nowitzkis Frühform sei ein Indiz dafür, "dass wir bei der EM den Nowitzki sehen, der uns vor zwei Jahren zur Silbermedaille geführt hat". Und die Wiederholung der Sensation von Belgrad 2005 ist laut Bauermann erklärtes Ziel für die anstehende EM.

Der sich selbst als pessimistisch beschreibende Nowitzki hat daran allerdings noch seine Zweifel: "Das wird ganz eng. Wenn man sieht, wie hoch das Niveau ist, wird das sehr, sehr hart", so Nowitzki. In Mannheim kritisierte der amtierende MVP (wertvollste Spieler) der NBA die Verteidigung seiner Kollegen. "Nur wenn wir unsere Gegner bei 60, 70 Punkten halten, haben wir eine Chance." Nur so ließe sich in Spanien Nowitzkis großer Traum von einer Olympiateilnahme realisieren. Dafür müsste das Team des DBB mindestens das EM-Finale erreichen - kommt der bereits qualifizierte Weltmeister Spanien ins Endspiel, reicht Platz drei. Gelingt das nicht, bietet ein zusätzliches Turnier vier Europäern eine Hintertür: "Aber auch wenn wir uns nicht direkt qualifizieren sollten und durch das vorolympische Turnier müssen, wird es nicht leichter", so Nowitzki.

Trotz Nowitzkis Skepsis ist die Erwartungshaltung im Rest der Mannschaft groß: "Ich erwarte, wieder im Finale zu stehen", sagt Bambergs Nationalspieler Demond Greene. "Vor zwei Jahren war es auch sehr, sehr schwer, aber es ist machbar." Und die Vorzeichen sind durchaus positiv. Nach vier gewonnen Testspielen (Österreich, Slowakei und zweimal China) ist die Mannschaft so gesund wie noch nie. Das sagt zumindest Klaus Breitung. Der Osteopath ist seit 23 Jahren für den Bewegungsapparat des DBB-Teams zuständig und kann sich nicht daran erinnern, wann es zuletzt so wenige Probleme gab. "Nein, das gab es noch nie", so Breitung. Der Grund dafür ist einerseits ein ausgeruhter Nowitzki, der sich mit seinem Freund, Entdecker und Mentor Holger Geschwinder in einer kleinen Turnhalle in Rattelsdorf in Form brachte, andererseits Konditionstrainer Benno Eicker, der dem Rest der Mannschaft im Trainingslager auf Mallorca Beine machte.

Mit Hilfe von Therabändern und eigens konzipierten Übungen ließ Eicker die spielspezifische Fitness trainieren. Sein Kredo: Wenige Wiederholungen, dafür akzentuiert und immer an das Basketballtraining angepasst. Wichtig sei es vor allem, neue Reize zu setzen und keine Routine aufkommen zu lassen. Eicker, selbst einst Spitzensprinter (Bestzeit 10,3 Sekunden), nennt das "intelligentes Schnelligkeitstraining". Zwischen 2001 und 2004 half er so der deutschen Hockey-Nationalmannschaft zu Olympia-Bronze beziehungsweise Welt- und Europameistertiteln. Der Mannschaft von Dirk Bauermann spricht er eine besondere Qualität zu: "Die Spieler sind in der Lage, trotz hoher Umfänge und einer enormen Belastung sehr aufmerksam und präzise zu spielen." Eicker hofft, dass diese Qualität dann zur Geltung kommt, "wenn es ganz eng wird". Denn nur auf einer guten athletischen Basis könne man auch unter Zeitdruck "erfolgreiche Lösungen finden".

In den beiden Partien gegen China war diese Qualität nicht gefordert. Auch nicht Nowitzkis "geniale körperliche Voraussetzungen" (Eicker). Dazu testet Dirk Bauermann noch zu sehr an seiner Aufstellung. Denn der Bundestrainer muss seinen Kader noch um zwei Spieler reduzieren. Eine Aufgabe, die ihm sein Star nicht abnehmen möchte. "So ausgeglichen war es noch nie. Ich möchte nicht in der Haut des Coaches stecken", sagte Dirk Nowitzki.

Dirk Bauermann kann schon bald neue Eindrücke sammeln. Am Mittwoch spielt sein Team in Valencia gegen Weltmeister Spanien. Um da zu gewinnen bedarf es allerdings mehr als das einsame Gebrüll Nowitzkis.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben