BVG-Streik: "Berlin ist immer noch ein Autofahrerparadies"

Der BVG-Streik ist für Verkehrsforscher ein "riesiges Realexperiment", gibt Weert Canzler vom Wissenschaftszentrum Berlin zu.

"Der Streik ist ein weicher Routinebruch. Die Menschen probieren etwas Neues aus", sagt der Verkehrsforscher Weert Canzler Bild: DPA

taz: Herr Canzler, ist der BVG-Streik für Verkehrsforscher ein spannendes Experiment?

WEERT CANZLER, 47, Politologe und Soziologe, ist Verkehrsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin.

Weert Canzler: Ja, im Grunde ist es ein riesiges Realexperiment. Man müsste jetzt die Kapazitäten haben, 40 Leute auf die Straße zu schicken, die teilnehmende Beobachtungen durchführen. Außerdem müsste man an die Kreuzungen gehen und zählen, wie viele Fahrräder und Autos mehr jetzt unterwegs sind. In den letzten Tagen sind mir auch mehr Fußgänger aufgefallen. Das ist natürlich gut für eine Stadt. Fußgänger bringen Urbanität. Auch in Straßen, in denen es wenig Fußgängerverkehr gibt, bringt der Streik plötzlich ein bisschen mehr Leben hinein.

Steigen denn durch den Streik mehr Leute aufs Fahrrad um?

Zählungen gibt es ja leider nicht. Nach meinen Beobachtungen ist der Fahrradanteil aber deutlich gestiegen. Das hängt natürlich auch ein bisschen vom Wetter ab. Das darf jetzt nicht umkippen. Normalerweise haben wir in Berlin einen Fahrradanteil von 10 Prozent. Jetzt dürften es etwa 15 bis 18 Prozent sein. Das wäre eine Steigerung um 50 Prozent.

Wie nachhaltig ist der Umstieg aufs Fahrrad?

Wir haben bei früheren BVG-Streiks gesehen, dass schon einige beim Fahrrad bleiben. Wenn der Streik noch bis Anfang April dauert, das Wetter gut bleibt und erneut höhere Fahrpreise drohen, werden eine Menge Leute mehr Fahrrad fahren.

Und wie kommen die Radfahrer mit dem Autoverkehr zurecht?

Probleme gibt es überall dort, wo es keine Bus- oder Fahrradspuren gibt. Zum Beispiel die Verbindung von Kreuzberg nach City-West ist ein Problem. Da braucht man eine Fahrradspur, damit Radfahrer neben den Autos vorbeifahren können. Außerdem reichen bei vielen S-Bahnhaltestellen die Fahrradabstellmöglichkeiten nicht aus. Da muss auch was passieren. Die Senatsverwaltung sollte den Streik zum Anlass nehmen, auf diesen beiden Ebenen mehr für die Radfahrer zu tun - etwa mehr Fahrradspuren zu bauen. Die letzten Wochen zeigen, dass der Fahrradverkehr in Berlin noch steigerbar ist.

Wie sieht es beim Autoverkehr aus?

Der ist auch gestiegen. Aber nicht so dramatisch. Man kommt ja überall noch gut durch.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihren Beobachtung bei diesem "Verkehrsexperiment"?

Viele Leute haben ganz offensichtlich Alternativen zum öffentlichen Nahverkehr. Der Streik ist eine Art weicher Routinebruch. Die Menschen probieren etwas Neues aus. Und einige bleiben bei der neuen Möglichkeit hängen. Allerdings ist das bei einigen auch das Auto.

Lohnt sich das denn?

Berlin ist immer noch ein Autofahrerparadies, wenn man das mit Frankfurt oder München vergleicht. Ich musste etwa Dienstagmorgen zum Flughafen fahren und war zu früh dort. Aus Schöneberg war ich in 20 Minuten in Tegel. Ich hatte 35 Minuten eingeplant. Ich war überrascht, wie wenig los ist. Ich denke, viele Leute benutzen jetzt das Auto und merken, dass es besser geht als vermutet. Das betrifft gerade diejenigen, die eine Weile nicht gefahren sind und mal eine schlechte Erfahrung gemacht haben. Oder diejenigen, die nicht in Berlin aufgewachsen sind - das ist immerhin die Hälfte der Berliner Einwohner. Viele von denen haben immer das Frankfurter oder Kölner Horrorbild vor Augen. Die merken jetzt, dass man in Berlin prima Auto fahren kann. Hier sind die Straßen breiter und es gibt längst nicht die Staus wie in anderen Städten.

Sind die Berliner also gar nicht unbedingt auf die BVG angewiesen?

Für alle, die kein Auto zur Verfügung haben und für die das Fahrrad nicht infrage kommt, weil es zu weit ist, ist der Streik schmerzhaft. Das betrifft vor allem Schüler und Azubis. Die brauchen jetzt länger. Aber viele Berliner arrangieren sich und fahren mit dem Fahrrad, dem Auto oder bilden Fahrgemeinschaften. Auch die S-Bahn hat ja noch mal kräftig neue Kunden aufgenommen.

Was wäre passiert, wenn die S-Bahn auch gestreikt hätte?

Ein bisschen bedauere ich fast, dass es nicht dazu gekommen ist. Der VBB wollte ja Fahrgemeinschaften unterstützen. Dazu sollte es Onlineangebote und vorgefertigte Ausdrucke geben. Das hätte sicher eine Art Solidarisierung gegeben und einen kurzfristigen Boom von Fahrgemeinschaften. Das wäre dann natürlich ein interessantes Experiment gewesen.

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