Autor über Reisen ohne Flugzeug: "Das ist ein kleiner Segen"

Sechs Monate dauerte Seth Stevenson's Weltreise. Zug, Schiff und Bus waren erlaubt, Flugzeuge jedoch mied der Reiseschriftsteller. Für ihn war es ein "tolles Erlebnis".

Buddhistischer Tempel in Kambodscha: Der Kulturschock kam erst nach der Rückreise. Bild: dpa

taz: Was Europa nun eine knappe Woche praktiziert hat, haben Sie freiwillig sechs Monate getan: ohne Flugzeug um die Welt zu reisen.

Seth Stevenson: Ja, stellen Sie sich vor: Es war ein tolles Erlebnis – Zug, Schiff, Bus, alles. Es wäre theoretisch sogar in 45 Tagen möglich gewesen, aber meine Freudin Rebecca und ich wollten keine Rekorde brechen, wir wollten reisen

Wie lange dauerte es denn, bis Sie vom Alltagstrott loskamen?

Wir fingen an mit einem 9-tägigen Trip über den Atlantik per Containerschiff. Zum ersten Mal im Leben kein Internet, ein irrer Sternenhimmel und ab und zu auf der Kommandobrücke der Mannschaft über die Schultern gucken; schon am Tag 2 waren wir in etwas ganz Anderem als normalen Ferien.

Sollten wir denn die ganze Welt jährlich einmal "grounden", also auf Flugzeuge verzichten lassen?

Das ist ein Gedankenexperiment. Die Leute würden es wahrscheinlich mögen, wenn sie mal nicht per Luft zu ihrer "Destination", also ihrem Reiseziel, unterwegs wären. Bei uns beiden war es so. Es ist lustiger und interessanter.

Seth Stevenson lebt in Washington, D.C. und reist derzeit per Zug durch die USA, um aus seinem Buch "Grounded" zu lesen. Es erschien im April, bisher nur auf Englisch. Im Alltagsleben ist Stevenson ein preisgekrönter Reiseschriftsteller und Kolumnist der Zeitschrift Slate.

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Was genau, das wochenlange Schleichen am Boden entlang?

Ohne Flugzeuge dauert es natürlich länger. Aber Sie haben doch kein Gefühl für die Entfernung da oben in 10.000 Meter Höhe. Sie wollen nur möglichst schnell ankommen. Sie fühlen die Reise nicht bis in die Knochen. Am Boden ist das ganz anders, Sie waten durch die Dinge, ob schön oder ob nervig wie ein stinkender Schnarcher auf einer Ostseefähre hinter Ihnen. Außerdem waren wir überrascht: Die Welt ist kleiner als wir uns vorstellen, wir waren schneller in Tokio als gedacht. Die Welt ist auch intellektuell mehr miteinander verbunden als wir denken, wir sind alle gar nicht so verschieden.

Wie kommen Sie darauf?

Weil wir auf der Reise viel mehr Menschen kennengelernt haben als per Flugzeug. Und das auch auf andere Weise, etwa mit dem Zug von Berlin nach Moskau: Da saßen wir mit zwei russischen Jungs im Abteil, wir tranken, kauderwelschten. Die ganze Situation der tagelangen Reise auf den Schienen erleichtert das.

Was blieb von dem Trip? Sie haben ja danach nicht Ihre Arbeit und Ihre Freunde ausgetauscht.

Vor der Reise dachten wir, der größte Kulturschock würde vielleicht in Russland oder in Kambodscha auf uns zu kommen. In Wirklichkeit war es der Moment unserer Rückkehr nach Washington. Wir waren schon fast süchtig nach der Bewegung, nach dem ständigen Reiz des Neuen. Und dann wieder täglich in der gleichen Wohnung schlafen, Briefkasten leeren, Stammkneipen, Job - es war eine brutale Neuausrichtung für mich. Ich musste wieder lernen mich zu unterhalten außerhalb der ständigen Bewegung.

Planen Sie schon den nächsten Langzeittrip? So viel Urlaub kann man sich ja nicht alle Jahre leisten?

Kommenden Sommer wollen wir ein oder zwei Monate nach Südamerika. Aber wir in den USA haben kein System mit so vielen Ferien wie Sie in Europa. Vielleicht ist der Vulkan aber auch für die europäischen Kurztripper ein Segen, mal inne zuhalten und mal anders über das Reisen zu denken.

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