Autobiografie von Keith Richards: Hitler, Heroin und Haushaltstipps

Die Autobiografie von Keith Richards kennt allerhand derbe Worte. Doch auch Haushaltsipps bietet das Buch des Lead-Gitarristen der Rolling Stones.

Signiert seine Autobiografie: Keith Richards. Bild: reuters

Das Beste kommt auf Seite 692. Es ist Keith Richards Rezept für Würstchen und Kartoffelbrei. Da schreibt das Herz der Rolling Stones, der coolste Hund der Rockgeschichte, der zäheste Riff-Schrubber vor dem Herrn seine Autobiografie - und was finden wir darin? Eine mehrseitige Abhandlung über Haushaltstipps.

Nun gut, er wird sich einen Heidenspaß daraus gemacht haben. Recht hat er. Zumal ja auch fürs Abgründige Platz genug ist. Von 1973 an führte Richards zehn Jahre lang die Top-Ten-Liste der Rockmusiker an, die wahrscheinlich als nächste sterben würden. "Todesliste der johlenden Pressemeute" nennt Richards die Skala des New Musical Express. Diese Anekdote ist eine von vielen, die Richards in seiner stark an einen Schelmenroman erinnernden Autobiografie aneinanderreiht.

Das Problem all dieser Geschichtchen ist jedoch: Wer sich über die Jahre ein bisschen mit Keith Richards und den Rolling Stones beschäftigt und vielleicht Tony Sanchez' Buch "I Was Keith Richards' Drug Dealer" gelesen hat, der weiß das alles schon.

Keith Richards wurde am 18. Dezember 1943 in Dartford, östlich von London, geboren. Nach einer kurzen Kindheitsbeschreibung zwischen "Pockenkrankenhäusern und Irrenanstalten" hangelt er sich in "Life" chronologisch an bekannten Eckdaten entlang: das Initialtreffen von Jagger und Richards 1961, die versiffte Band-WG in Edith Grove, der Aufstieg der Rolling Stones als "Anti-Beatles", Brian Jones' Tod 1969, Exil an der Côte d'Azur, Heroin, Richards' Beziehung zu Anita Pallenberg, der "dritte Weltkrieg" zwischen Jagger und Richards in den Achtzigern, Solo-Ausflüge, die Reunion Anfang der Neunziger und schließlich der Sturz auf Fidschi, der 2005 dafür sorgte, dass die Feuilletons schon mal die Nachrufschublade aufmachten. Zwischendrin Familie und Groupies - sowie Heroin und Mick-Jagger-Bashing.

Der Stones-Sänger möchte man wirklich nicht sein während dieser Lektüre. Über dessen Affäre mit Richards' damaliger Lebensgefährtin Anita Pallenberg heißt es: "Jedenfalls hatte sie mit dem winzigen Pimmel keinen Spaß. Ich weiß, dass er zwei gigantische Eier hat, aber das macht den Spalt auch nicht voll, oder?"

Mick Jaggers Soloplatte "She's the Boss" vergleicht er mit "Mein Kampf" ("Jeder hatte ein Exemplar, aber keiner hat's gelesen"). Und Pallenberg muss sogar für einen direkten Hitler-Vergleich herhalten: "Nichts konnte ihren Selbstzerstörungstrip stoppen. In dieser Hinsicht war sie wie Hitler, sie wollte alles mit sich in den Abgrund reißen."

Sprachlich haut Richards überhaupt regelmäßig daneben. Es liegt natürlich auch an der Übersetzung, Formulierungen wie "Wir sollten in den Bau wandern" und die ständigen Wiederholungen von Ausdrücken wie "gottverdammt", "Scheiße" und " Mann!" wirken ziemlich verunglückt. Es ist wie ein Tarantino-Film auf Deutsch, man hat das Gefühl, irgendetwas stimmt da nicht. Doch im Grunde hat auch diese Musiker-Autobiografie das Problem, an dem die allermeisten Musiker-Autobiografien (Dylan ausgenommen) kranken. Um es mal ganz ehrlich zu sagen: Man kann den Scheiß einfach nicht lesen, Mann!

Am echtesten und frischesten klingt Richards, wenn er ganz konkret über seine Arbeit als Musiker schreibt. Für Laien ist das allerdings recht kryptisch und klingt dann so: "Die Schönheit, die Erhabenheit einer fünfsaitigen offenen G-Stimmung auf der elektrischen Gitarre liegt darin, dass man nur drei Töne hat, die anderen wiederholen sich mit einer Oktave Abstand. Man stimmt GDGDB." Und so geht es seitenweise. Licks, Riffs, Open-Tuning, G-Tuning, Fünfsaitige.

Doch es kristallisiert sich da eine Leidenschaft heraus, die zu erklären vermag, wie Keith Richards es möglicherweise geschafft hat. Wie aus dem schmächtigen Knaben mit abstehenden Ohren erst ein übler Junkie und dann der Mann wurde, den sich Johnny Depp als Vorbild für seinen Captain Sparrow in "Fluch der Karibik" genommen hat: die rockende Dörrpflaume mit der weisen Indianervisage.

Er hat einfach "sein Ding durchgezogen". Und dazu gehört neben pharmazeutischem Heroin auch die Zubereitung von Würstchen mit Kartoffelbrei zu den "unmöglichsten Zeiten", wie das Model Kate Moss zu "Life" beizusteuern weiß.

Was dieses Buch also lesenswert für jene macht, die bereits alles über Keith Richards, aber wenig über das Würstchenbraten wissen, ist diese Passage auf Seite 692: "Mein ganzes Leben lang mache ich mir jetzt schon Würstchen mit Kartoffelbrei, doch erst vor kurzem habe ich von einer Frau im Fernsehen erfahren, dass man die Würstchen in die kalte Pfanne geben soll. Also nicht vorheizen, denn das verschreckt die kleinen Dinger.

Keith Richards: "Life". Aus dem Englischen von Willi Winkler, Ulrich Thiele und Wolfgang Müller. Heyne, München 2010, 736 Seiten, 26,99 Euro.

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