Ausstellung "Bilder einer Metropole": Im Lärm der Abrisshämmer

Die Ausstellung im Essener Folkwang Museum beleuchtet Fragen des Stadtumbaus im 19. Jahrhundert, die heute aktueller erscheinen denn je.

Im Essener Folkwang Museum ist das neue Paris zwischen 1860 und 1900 zu sehen. Die Künstler setzten mit ihren Bildern der Belle Epoque ein Denkmal. Bild: dpa

Walter Benjamin, ohne Frage einer der leidenschaftlichsten Interpreten des modernen Paris, übertrieb wohl gar nicht so sehr, als er 1929 schrieb: "Eines Morgens, über Nacht, besaß Paris die besten Autostraßen unter allen Städten Europas." In einem solchen Bonmot findet sich jene Erfahrung der Plötzlichkeit variiert, die mit einigem Recht als ein Signum der Moderne gelten kann.

Doch reicht Benjamins Beobachtung über solche Allgemeinplätze hinaus. Denn als der französische Fotograf Eugène Atget gegen Ende des 19. Jahrhunderts sein über Jahrzehnte beharrlich verfolgtes Projekt aufnahm, das Gesicht des alten Paris in allen seinen pittoresken Details zu dokumentieren, da dürfte er fortlaufend den Lärm jener "entreprises de démolition" im Ohr gehabt haben, die sich im Auftrag der Behörden daran machten, ganze Stadtviertel systematisch niederzulegen.

"Bilder eine Metropole. Die Impressionisten in Paris" heißt die zweite großformatige Sonderausstellung, die das Essener Folkwang Museum seit seiner Wiedereröffnung in diesem Jahr ausrichtet. Doch selten dürfte der Titel einer Ausstellung so missverständlich, ja irreführend gewählt worden sein. Gewiss: Monet und van Gogh, Manet und Seurat erleben in dem von David Chipperfield grandios konzipierten Neubau ihren großen Auftritt.

Die Qualität der Leihgaben allein, die sich das Folkwang Museum zum Abschluss des Essener Jahres als europäische Kulturhauptstadt sichern konnte, ist staunenswert. Wer hätte gedacht, dass man für Renoirs "Tanz im Moulin de la Galette" einmal nicht ins Musée d'Orsay fahren müsste?

Doch reiht sich diese klug konzipierte Ausstellung gerade nicht in jene ermüdende Kette von Blockbustern ein, die auf das ganz große Publikum setzen, dieses allenfalls mit Masse überwältigen wollen, darüber hinaus aber kaum mehr zu sagen haben. Von der historischen Situation des Paris im mittleren und späten 19. Jahrhundert inspiriert, stellt die Essener Ausstellung demgegenüber zwei Fragen von bezwingender Aktualität: Wie wollen wir künftig leben? Und welchen Preis sind wir heute bereit dafür zu bezahlen? Ohne dass der Name einer südwestdeutschen Großstadt eigens fallen müsste, nehmen sich die in Essen versammelten "Bilder einer Metropole" als ein fortlaufender Kommentar auf die genauso hartnäckig wie zusehends unerbittlich geführten Debatten unserer eigenen Gegenwart aus.

Beides wird in diesen Bildern sichtbar: der hohe Preis, der hierfür seinerzeit Tag für Tag von den Parisern entrichtet wurde, aber eben auch jenes bis heute, wenigstens von den Touristen, viel bewunderte städtebauliche Ergebnis.

Damit Paris tatsächlich die "Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts" werden konnte, von der Benjamin in seinem "Passagen-Werk" schrieb, musste die Stadt nicht weniger als einmal vollkommen neu errichtet werden. Was die viel berufene "Haussmannisierung", also der Umbau einer verwinkelten Stadt aus dem Spätmittelalter zur weltläufigen Metropole nach den Plänen des Präfekten Georges-Eugène Haussmann, eigentlich bedeutete, das wird überhaupt erst deutlich, wenn man die Ausstellung in ihrer Gesamtheit ernst nimmt.

Der erhabene Gestus von Charles Garniers Opernneubau inklusive darauf hinführender Prachtstraße etwa war nur möglich durch eine Neuinterpretation des städtischen Raums, die auf gewachsene Strukturen erst gar nicht Rücksicht nahm. In diesem Sinn war "Paris 19" eine kaiserliche Großbaustelle ohne Schlichtergespräche, aber, in einem beklemmenden Sinn, mit Bürgerbeteiligung.

Denn wo sich einst proletarische Wohnviertel befanden, dort nahm das neureiche Bürgertum anschließend exklusiv von der neuen Urbanität Besitz. Und eines der folgenreichsten Ergebnisse dieser ersten Pariser Gentrifizierung sind jene "banlieues", die sich gewiss nicht zufällig sowohl mit "Stadtrand" als auch mit "Bannmeile" übersetzen lassen.

Gerade dieses doppelte Gesicht der Modernisierung ist im Folkwang Museum präsent. An kaum einem Bild lässt sich dies besser ablesen als an dem unbestreitbaren Star der Ausstellung: Gustave Caillebottes "Pariser Straßenszene an einem Regentag", dem zur erkennbaren Freude des Publikums der lange Weg aus dem Art Institute in Chicago zugemutet worden ist.

Dass Caillebotte hier die Ästhetik des fotografischen Schnappschusses in das Großformat des Gemäldes übersetzt und auf diese Weise zu einem Lehrstück einer künstlerischen Epochenwende erhob, ist das eine. Zum anderen aber wird hier ein Blick auf die moderne Metropole verdichtet, die ihren Bewohnern deutlich erkennbar noch unvertraut ist. Während im Hintergrund der Straßenflucht die Gerüste überhaupt erst noch abgebaut werden müssen, su chen diese Passanten auf den neu errichteten Bürgersteigen ihren Weg durch eine Großstadt, die sie mit zögerndem, beinahe skeptischem Blick gerade eben kennenlernen.

Zuletzt sind es aber vor allem die in diese Ausstellung großzügig integrierten fotografischen Kabinette, die einen beredten Eindruck von der nach Jahrzehnten zählenden Großbaustelle vermitteln. Der heutige fotografische Blick der Touristen kann hiervon schwerlich noch etwas aufspüren. Gerade dies aber mag bereits Teil einer Erfolgsgeschichte sein.

"Bilder einer Metropole. Die Impressionisten in Paris": im Folkwang Museum Essen; noch bis bis zum 30. Januar 2010, Katalog (Steidl Verlag) 38 Euro

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