Außenminister auf Wahlkreis-Tour: Herr Steinmeier sucht das Volk

Außenminister Frank-Walter Steinmeier tourt durch seinen Wahlkreis im westlichen Brandenburg - und fremdelt mit seiner neuen Rolle als Volksvertreter.

Nicken, zuhören und nebenbei die Georgien-Krise beruhigen: Frank-Walter Steinmeier Bild: ap

Frank-Walter Steinmeier wird 2009, zum ersten Mal in seiner Karriere, selbst Wahlkampf machen. Dort, in dem Wahlkreis im westlichen Brandenburg, will er zeigen, dass er auch Partei kann. Dass er nicht nur kühler Analytiker ist, sondern auch beim Wahlvolk ankommt. Dass er nicht nur mit Condoleeca Rice, sondern auch mit Bauern und SPD-Unterbezirksvorsitzenden zu reden versteht.

"Ich habe nicht zum ersten Mal in Brandenburg übernachtet" sagt Steinmeier. "Ich hier bin angekommen." So richtig überzeugt klingt er nicht. Der Außenminister steht auf dem Hof eines Biobauern im Hohen Fläming, knapp 100 Kilometer südwestlich von Berlin. Das Gut Schmerwitz ist ein prosperierendes Unternehmen, einer der größten Produzenten von Bio-Produkten in Deutschland. Neben dem Minister steht Rita Neumann, eine quirlige Fünfzigjährige, die schon seit 1970 hier arbeitet und heute den Betrieb managt. Sie begrüßt nervös "Herrn von Steinmeier", wohl weil wichtige Westler in Brandenburg oft "von" heißen. Sie erzählt beseelt von damals, von Aktivistenhäusern und dem Einfluss der SED. Steinmeier schaut sie freundlich distanziert an und fragt, was nach 1990 passierte.

Als Rita Neumann unverdrossen weiter über Aktivistenhäuser redet, will der Außenminister jetzt doch lieber etwas essen. Er würde wohl gerne mehr über die ökologische Aufzucht von Schweinen und Vermarktung von Bioprodukten erfahren. Aber jetzt muss er erstmal, umringt von TV-Kameras, den "feigen Anschlag" auf einen Bundeswehrsoldaten in Kundus verurteilen. Und zur Besonnenheit im Verhältnis zu Russland mahnen. Und mit Außenministern telefonieren.

In Brandenburg an der Havel besichtigt Steinmeier ein Unternehmen, dass Satellitendaten auswertet und Analysen überall auf der Welt an Versicherungen und landwirtschaftliche Großbetrieben verkaufen will. Ein Vorzeigeunternehmen, das in einer aufwändig renovierten Brauerei residiert. Der Betrieb hat 90 Angestellte, allerdings kaum welche aus Brandenburg. "RapidEye" ist, so eine Mitarbeiterin etwas verschämt, nur wegen der üppigen Subventionen an die Havelstadt gezogen. Dabei wirkt das schnieke Unternehmen in der etwas unwirtlichen Stadt Brandenburg selbst wie ein Raumschiff. "Brandenburg goes global", lobt Steinmeier unverdrossen. In Jüterbog besichtigt er später eine Skaterbahn, die ein Touristenmagnet ist. Alles Vorzeigeprojekte, so wie auch der Biobauernhof.

Die Arbeitslosigkeit im Wahlkreis liegt über 15 Prozent, die Abwanderung ist dramatisch. Aber darum geht es bei dieser Sommerreise nicht. Man will Erfolge präsentieren. Und einen Politiker inszenieren, der nah bei den Wählern ist.

Steinmeier absolviert diese Tour unfallfrei. Er nickt viel. Er hört geduldig zu, auch wenn der Landrat äußerst detailliert die Beschaffenheit einer gelungenen Skaterstrecke erläutert. Vor fünf Minuten hat er im Auto noch die Georgien-Krise zu beruhigen versucht, jetzt applaudiert er einer Dreijährigen, die sich auf Skatern auf den Beinen zu halten versucht. Steinmeier wirkt professionell. Aufmerksam. Keine Spur von Herablassung.

Wo aber ist eigentlich das Wahlvolk auf dieser Sommerreise, mit dem es doch Kontakt aufzunehmen gilt? Vielleicht in Belzig, einer Kleinstadt mit hübsch renovierter mittelalterlicher Altstadt. Dort schiebt sich der Tross um Steinmeier, eine Menschentraube aus Bodyguards und Bürgermeistern, drängelnden Fotographen und nörgelnde Journalisten, durch die Gassen. Nur das Volk ist irgendwie abwesend. Dort hinten sitzt immerhin eine Frau auf einer Bank. "Warten Sie auf Steinmeier?" fragt eine Journalistin. "Nein, auf den Bus" sagt die Belzigerin und wünscht allen noch einen schönen Tag. Steinmeier ist niemand, der ahnungslosen Passanten einfach so die Hand schüttelt. Er ist nett, ausgeglichen, er will Optimismus ausstrahlen. Aber alles Aufdringliche ist ihm fremd. Zum Foto mit zwei Kindern auf dem Biohof muss er von seinem Mitarbeitern ermuntert werden.

In Belzig naht dann doch Rettung. Ein grauhaariger Eisladenbesitzer ruft "Kommen Sie doch herein". Steinmeier eilt, umringt von Fotographen, in den Laden und isst ein Eis. Das ist, für heute, der Höhepunkt in Sachen Wählerkontakt.

Danach besucht Steinmeier die Burg Eisenhardt, ein mächtiges Bauwerk aus dem 15. Jahrhundert. Dort steuert er zielstrebig das Restaurant an. Ein ältere Dame ruft ihm zu: "Wir setzen auf Sie." Der Außenminister erwidert knapp: " Zu Recht. Zu Recht", und entschwindet. Die Dame ist Rentnerin aus Berlin und Sympathisantin der SPD. Kurt Beck oder Gerhard Schröder hätten sich ein Gespräch mit ihr kaum entgehen lassen. Steinmeier schon.

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