Armeechef Suleiman neuer Präsident: Mann des Ausgleichs für Libanon

Der bisherige Armeechef Michel Suleiman ist neuer libanesischer Präsident. Er hat es geschafft, die Armee aus den polarisierten inneren Konflikten herauszuhalten. So konnte er zum Hoffnungsträger jenseits der politischen Lager werden

Allgegenwärtig: Neuer Präsident Suleiman Bild: dpa

"Halte den Stock stets in der Mitte", lautet eine arabische Redewendung. Der bisherige libanesische Armeechef Michel Suleiman hat sich bisher immer an diesen Ratschlag gehalten und versucht, zwischen der prowestlichen Regierung und dem von der Hisbollah angeführten Oppositionsbündnis die Neutralität des Militärs zu bewahren. Das zeichnet Suleiman auch für seinen neuen Job aus. Keine Partei zu ergreifen, wird von dem 59-jährigen Christen auch verlangt, nachdem er am Sonntag vom Parlament zum neuen Präsidenten gewählt wurde.

In seinen zehn Jahren als Armeechef hat er mehr als einmal bewiesen, dass er in einem politisch polarisierten Land die 56.000 Mann starke Armee immer auf der Seitenlinie halten konnte. Suleiman gilt als der Mann des Konsenses schlechthin und ist damit die größte Hoffnung, auf die die Libanesen derzeit setzen können.

Geboren in der Kleinstadt Amschit, absolvierte Suleiman die Militärakademie und machte später an der libanesischen Universität seinen Abschluss im Fach Politikwissenschaft. Anfang der 90er-Jahre kommandierte er eine Infanteriebrigade, die mehrmals mit israelischen Einheiten im Südlibanon zusammenstieß. 1998 wurde er mit Zustimmung Syriens, der damals grauen Eminenz im Libanon, zum Armeechef berufen.

Aber anders als sein präsidialer Vorgänger Émile Lahoud geriet Suleiman nie in den Ruf, eine syrische Marionette zu sein. Bei dem Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon nach der Ermordung des damaligen Premiers Rafik Hariri zeigte Suleiman Fingerspitzengefühl. Ihm wird angerechnet, dass der Abzug der Syrer ohne größere Zwischenfälle verlief. Bei der antisyrischen "Zedernrevolution" und den damaligen Massendemonstrationen im März 2005 ließ er die Armee nicht einschreiten.

Aber Suleiman hielt auch gute Kontakte zum anderen politischen Lager, allen voran zur schiitischen Hisbollah. Es ist kein Geheimnis, dass die Armee während des Libanonkrieges im Sommer 2006 im Hintergrund die Hisbollah vor allem mit dem Kommunikationsnetzwerk des Militärs unterstützt hatte. Sehr zum Ärger Israels, das daraufhin auch reguläre Armeekasernen bombardieren ließ. Lob von beiden Seiten des politischen Spektrums erhielt Suleiman für den Einsatz der Armee gegen eine Gruppe militanter Islamisten der Fatah al-Islam, die sich vergangenes Jahr 15 Wochen lang im Palästinenserlager Nahr al-Bard im Nordlibanon verschanzt hatte. Suleiman leitete die Operation persönlich, bei der die Fatah al-Islam besiegt wurde. Dabei kamen 168 Soldaten ums Leben.

Aber der Vater von drei Kindern hat beide politischen Lager auch schon verärgert. Im Januar kam es zu einem Schusswechsel zwischen der Armee und Anhängern der Hisbollah, bei der sieben schiitische Demonstranten starben. Aber wer glaubte, dass fortan die Armee ein Gegengewicht zur stärksten paramilitärischen Miliz des Landes darstellt, der wurde enttäuscht, als Anfang des Monats Hisbollahkämpfer für ein paar Tage gewaltsam von Anhängern der Regierung die Straßen Beiruts übernahmen. Erneut hielt sich die Armee heraus und übernahm später die von der Hisbollah eroberten Stellungen, gemäß einem ausgehandelten Abkommen. Wieder wurde Suleiman mit der Armee seinem Ruf gerecht, dass die Soldaten weniger eine kämpfende Truppe sind, sondern vielmehr eine Institution, die das Land zusammenhält.

"Der Staat existiert, weil die Armee ihn garantiert", lautet das Credo des fließend englisch und französisch sprechenden Generals. Hätte Suleiman die Truppen gegen die Hisbollah-Kämpfer eingesetzt, wäre die Armee mit ziemlicher Sicherheit auseinandergebrochen. "Ignoriert die Politik und folgt euren Befehlen", lautete in diesen Tagen Suleimans klare Anweisung an seine Soldaten. Ob er nun den ganzen Staat, ähnlich wie die Armee, aus den Fehden der rivalisierenden politischen Lager heraushalten kann, und ob er möglicherweise sogar eine Versöhnung vorantreiben kann, stellt Suleimans größte Herausforderung in seiner neuen Position dar. Kurz vor seinem Amtsantritt gab er sich bescheiden. "Ich alleine kann das Land nicht retten", konstatierte er, "dafür müssen sich schon alle gemeinsam anstrengen."

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