Arjen Robben beim DFB-Pokal: Ärschelnd im Strafraum

Die ganze Wahrheit über Arjen Robben: Warum der Mann den FC Bayern ins Finale schießt und was es mit seiner Herkunft auf sich hat.

Lichtgestalt macht sich frei: Arjen Robben im Siegestaumel. Bild: ap

Eines fernen Tages wird die Wahrheit ans Licht kommen. Arjen Robben, Flügelflitzer des FC Bayern München, angeblich Niederländer und in der Gemeinde Bedum bei Groningen angeblich am 23. 1. 1984 n. Chr. geboren, ist nicht von dieser Welt. Sondern aus einem Paralleluniversum, aus einer anderen Galaxie, die wir alle noch nie gesehen haben - kurz: Er ist ein Außerirdischer.

Ein Normalsterblicher wäre zu einer solchen Solotat wie dem entscheidenden Tor im Pokalhalbfinale Schalke 04 - Bayern München nicht fähig. Und so liefen am späten Mittwochabend alle lächerlich-banalen Deutungsversuche ins Leere: unglaublich, wunderbar, sensationell, unfassbar … Aber all das war das Tor nicht. Auch Mitspieler Thomas Müller ("Das war einfach Weltklasse") hatte unrecht: Höchste Universumsklasse hätte er sagen müssen, überirdisch oder extragalaktisch. Aber das Personal des FC Bayern will Robbens wahre Herkunft natürlich verschweigen.

Arjen Robben hatte schon vor seinem Treffer die üblichen spektakulären Szenen gehabt: Tempodribblings, die nur selten legal zu stoppen waren, dazu diese varietéreife Körperbeherrschung. Je bedrängter dieser Fußballrastelli war, desto unwiderstehlicher wurden seine Tänze mit dem Ball, dazu ein paar fiese Schüsse, gefährliche Freistöße. All das hat man seit Herbst schon oft bewundert und Schmerzen vom Kopfschütteln bekommen. Aber dann kam die Szene, die Robbens Herkunftslegende aushebeln sollte.

Ruhmreicher Osten: Hertha BSC und ihr großes Lospech - seit 2002 bekam der werdende Zweitligist in 20 Versuchen nur einmal Heimrecht (3:0 gegen Gladbach). So wurden die zwangsreisenden Berliner zu einem sehr beliebten Opfer der Provinz (Wuppertal, Braunschweig, Kiel). Anders die Hertha-Amateure: Sie mischten 1992/93 den Pokal mit lauter Heimsiegen auf. Erst im Finale gewann Gegner Bayer Leverkusen im Olympiastadion 1:0 - das Tor schoss der Ex-Dresdner Ulf Kirsten. Auch Regionalligist Energie Cottbus schaffte es 1997 ins Finale (0:2 gegen Stuttgart). Zur Lausitzlegende wurde das Semifinal-3:0 im heftigen Aprilschneetreiben gegen das damalige Topteam Karlsruher SC. 2001 siegte sich Union Berlin aus der Regionalliga eisern bis ins Endspiel (0:2 gegen Schalke durch zwei Tore des geborenen DDRlers Jörg Böhme). Zweitligist Carl Zeiss Jena stieg 2008 zwar abgeschlagen in die 3. Liga ab, erreichte aber parallel das Pokal-Halbfinale - mit illustren Erstliga-Opfern: Titelverteidiger Nürnberg, Bielefeld und VfB Stuttgart (da sogar auswärts). Zusammen räumten die drei Ost-Davids 13 höherklassige Teams, davon 7 Bundesligisten. Und alle 13 kamen aus dem Westen.

Mysteriöse Pokalgesetze: Sie entfalten sogar systemübergreifend ihre Wirkung. Am 14. Juni 1975 bezwang die kleine BSG Sachsenring Zwickau im Finale des FDGB-Pokals das große Dynamo Dresden im Elfmeterschießen. Dabei hielt Torwart Jürgen Croy zwei Dresdner Strafstöße und versenkte, als Torwart bis dahin undenkbar, den letzten selbst. Im Europapokal schaltete Winzling Zwickau Panathinaikos Athen, Florenz und Celtic Glasgow aus. Bremse war erst der spätere Finalsieger RSC Anderlecht im Halbfinale.

Nach 112 Minuten ermüdendem Abnutzungskampf mit meist klar überlegenen Bayern, die, so Trainer Louis van Gaal, "sehr gut gefußballert" hatten, nimmt der Scheinholländer 70 Meter vor Schalkes Tor einen Butt-Abwurf auf. Im Sprint enteilt er seinen Doppelbewachern Moritz und Schmitz auf der rechten Seitenlinie, fliegt über den grätschenden Heiko Westermann, kurvt kurz von der Auslinie ärschelnd in den Strafraum, überläuft diagonal noch einmal die Slalomstange Moritz bis neben den Elfmeterpunkt und schlenzt dann mit aller Ruhe nach über 90 Metern Tempolauf in den Torwinkel.

Selbst Lionel Messi hätte sich erhoben und ergriffen applaudiert. Und um die Größe dieses Moments nicht zu verwässern, vergaben Ribéry und Klose danach noch beste Konterchancen. Selbst der Gegner verneigte sich: Höwedes köpfte nach 121 Minuten, Schalkes beste Chance, freistehend drüber.

Arjen Robben selbst riss sich tief verzückt herumsprintend (immer noch!) das Hemd vom Leib, bekam dafür, wie banal, eine irdische gelbe Karte, schleuderte später Trikot und Unterhemd in den Fanblock, weshalb er halbnackt zum Interview erschien und vom Fernsehmann dessen schwarzes Sakko umgehängt bekam, das der Frager als Reliquie sicher nie mehr waschen wird. Später sah man Robben mit den typischen kleinen Trippelschritten durch die Katakomben schlendern. Er wähnte sich unbeobachtet, machte aber keinen Fehler und öffnete die Kabinentür tatsächlich per Hand. Dabei kann er, mit oder ohne Ball, sicher auch durch Wände dribbeln. Landsmann Mark van Bommel wurde gefragt: "Was heißt auf Niederländisch: Der Kerl ist unglaublich und macht Tor um Tor?" Knappe Antwort: "Arjen Robben."

Beim FC Bayern ist vieles anders. Schlechte Verlierer kennt man, aber auf Schalke erwies sich der gefühlt 127-fache Meister als schlechter Gewinner, der am 15. Mai das Finale gegen Bremen spielen darf. Uli Hoeneß, der neue Präsident, hielt nach dem Spiel in alter "Abteilung Attacke"-Manier eine sehr alberne Wutrede auf den wirklich hundsschlechten gelb-braunen Rasen und auf Schalke-Trainer Magath. "Der Felix benutzt das als Mittel zum Zweck, um eigene Defizite seiner Elf auszugleichen." Unglaublich sei das, "so ein Platz in dieser Phase der Meisterschaft". Dabei spielten sie Pokal, aber das fiel beim Ablenkungsmanöver um Robben kaum wem auf. Und der Torschütze selbst, Herr Hoeneß? "Das war reines Glück vom Arjen, er kann froh sein, dass er den Ball so erwischt. Alles Zufall."

Am Ende hätte sich der Mann von fremdem Stern fast verplappert: Er habe, sagte er, und einem fielen die leichten Segelohren auf, etwas spitz geformt - Verwandter von Captain Spock? -, "in der Extrazeit ein zweites Leben gefunden". Man hätte viel früher stutzig werden können. Bei der EM 2004 verwandelte der junge Robben im Elfmeterschießen gegen Schweden.

Ein Holländer trifft per Strafstoß, wenn es darauf ankommt? Das schließt sich aus. Viele Fragen bleiben nach dem Outing von Gelsenkirchen: Überprüft der DFB eigentlich nur Spielerpässe? Warum forscht niemand gefälschten Geburtsurkunden hinterher, ausgestellt in nordfriesischer Provinz? Weiß Sepp Blatter Bescheid? Und: Wird sich Arjen Robbens Holland nach dem Titelgewinn in Südafrika überhaupt "Weltmeister" nennen dürfen?

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