berliner szenen: Sie spielen flink und stoisch
Auf dem Ergometer saß man viel besser als auf einem echten Fahrrad. Es war schön, den elegant gekleideten Mitpatienten, der sonst immer allein gefahren war, nun auf dem Ergometer zu begleiten, während der Bewegungstherapeut am PC saß und Dinge erledigte und „Pink Moon“ von Nick Drake im Hintergrund lief. Wenig später kamen zwei PatientInnen etwas zu spät, weil sie zum ersten Mal hier waren. Der Therapeut fragte, ob sie Tischtennis spielen wollten, sie sagten Ja, ich sagte, ich will noch weiterfahren und erst zur zweiten Hälfte unserer Bewegungstherapiehalbenstunde mit einsteigen.
Die beiden spielten gut zusammen in unterschiedlichen Stilen, die zu ihnen passten. Der Dünne spielte flinker, die Frau mit wenigen Bewegungen eher stoisch. Ich dachte an die Jahre, in denen ich Tischtennis gespielt hatte, an die Leute, mit denen ich gespielt hatte, an M., den Ex-Besten, der vor einem halben Jahr gestorben war. Beim Ergometerfahren kann man gut träumen. Beim Tischtennis muss man sich auf mehr Sachen gleichzeitig konzentrieren. Zwölf Minuten spielten wir noch zu viert. Schade, dass wir nicht 45 Minuten haben. Dann zogen wir unsere Schuhe wieder an und jeder ging seiner Wege.
Es war grau und nieselte ein bisschen. Ich schob mein Rad auf dem Weg nach Hause und dachte daran, wie oft ich im Sommer diesen Weg zwischen Urbankrankenhaus und zu Hause gegangen und gefahren war. Kurz vor der Feuerwehr stand ein Obdachloser. Ich sah ihn schon von Weitem. Er sah aus, wie man sich als Kind einen Räuberhauptmann vorgestellt hatte, nur etwas mitgenommener. Sein Blick war wach. Er fragte höflich, ob ich Feuer hätte, und kramte eine Weile in seiner Jackentasche, bis er einen Zigarillo fand. Als ich ihm Feuer gab, warnte er mich: „Nicht zu nahe rankommen. Ich hab da so Tierchen.“ Detlef Kuhlbrodt
Mit reinem Gewissen wissen
Auf taz.de finden Sie eine unabhängige, progressive Stimme. Frei zugänglich, ermöglicht von unserer Community. Alle Informationen auf unserer Webseite sind kostenlos verfügbar. Wer es sich aber leisten kann, darf – ganz im Zeichen des heutigen "Tags des guten Gewissens" – einen kleinen Beitrag leisten. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen