der rote faden

Ticktack, nicht zappeln, Zeit totschlagen

Foto: Erik Irmer

Durch die Woche mit Ariane Lemme

Wie es Ihnen geht, weiß ich nicht. Aber wenn Sie ungefähr so ticken wie ich, spüren Sie beim Lesen dieser Kolumne so ein leichtes Vibrieren der Ungeduld. Ticktack, wie viele Zeilen noch, lohnt es sich, sollte ich nicht lieber ein bisschen harten Stoff über Thüringen lesen?

So jedenfalls lese ich, und es ist dabei eigentlich egal, ob es ein schlauer Text ist oder ein leichter, einen Tab weiter gibt es anderes, Neueres, Besseres. Und, seien wir ehrlich, beim Leben ist es nicht viel leichter als beim Lesen. „Tired of lying in the sunshine staying home to watch the rain“? So muss man leben, finde ich, aber dass ich das so locker konnte, ist genauso lange her wie die Phase, in der ich noch mit offenem Herzen Pink Floyd hören konnte. (Bevor ich herausfand, dass Roger Waters ein blöder, BDS unterstützender Fuzzi ist, den ich seitdem boykottiere).

Nach einer ihrer besten Zeilen lebe ich trotzdem bis heute, ich kann nicht anders, sie ist wie ein Tattoo, das man sich mit 16 im Rausch hat stechen lassen: „So you run and you run to catch up with the sun but it’s sinking / Racing around to come up behind you again. / The sun is the same in a relative way but you’re older, / Shorter of breath and one day closer to death.“ In ständiger Angst, nicht genug Leben aus dem Leben rauszuquetschen.

Rennen

Time famine, Zeithunger, nennen das Psychologen. Vermutlich bin ich also nicht allein mit dieser Macke, wie ich diese Woche im Time Magazine las. Was seltsam ist, denn eigentlich lebt der Mensch so an sich länger und hat, genau betrachtet, auch mehr Freizeit als je zuvor in der Geschichte. (Nur die Amis nicht, über die Hälfte von ihnen nimmt angeblich nicht mal den gesamten ihnen zustehenden bezahlten Urlaub; mein Beileid). Man könnte also eine Menge ausquetschen aus den 70, 80 Jahren, die man hat, sich und anderen eine schöne Zeit machen zum Beispiel. Trotzdem scheint das Ticken immer lauter zu werden.

Warum?

Weil der Mensch versucht, in seiner Freizeit erzählenswerten geilen Scheiß zu erleben, collectible experiences, nennen es Forscher:innen wie Anat Keinan. Wenn man also nicht gleich was „Sinnvolles“ macht, dann bitte wenigstens etwas, was irgendwie sonst zur Personality beiträgt. Dass man die ganze Mühe später mal bereuen und sich fragen wird, warum man nicht mehr Sonntage im Bett verbracht hat, kann man, wie das leise Ticken des analogen Weckers, ganz gut ausblenden.

Quetschen

Obwohl das mit dem Im-Bett-Bleiben auch nur halb glücklich machen würde, zumindest wenn man allein drin liegt: Am besten den Zeithunger stillen soll die mit Anderen verbrachte Zeit.

Es ist vielleicht ganz gut, sich daran zu erinnern, denn viel Platz zum Alleinsein werden wir auch in Zukunft nicht haben. Der Mietendeckel (ja, ich weiß, auf den ersten Blick wirkt er supergeil) wird das Problem des Wohnraummangels an den Orten, an denen nun mal alle leben wollen, nicht lösen, und die Orte, an denen schon jetzt keiner leben will (Thüringen! Brandenburg!), werden auch nicht glücklich machen, denn da gibt’s vielleicht noch bezahlbaren Wohnraum, aber bald keine Anderen mehr, mit denen man sinnvoll Zeit verbringen will. Sinnvoll im Sinne von: zu amüsiert, um darüber twittern zu müssen.

Amüsieren können sich in den verbauten und verhunzten Städten nicht mal mehr die Kinder. Das hat der Schweizer Kinderarzt Remo Largo neulich in der Süddeutschen Zeitung kritisiert. Drinnen gegängelt von den Eltern, die sie ständig zu sinnvollen Tätigkeiten karren, draußen quasi eingesperrt, weil es da nichts gibt als Autos und kinder­sichere Spielplätze.

Spielen

Anstatt des nächsten ideologisch aufgeheizten Pro und Kontra zum Mietendeckel, der nur ein krümelherziges Legislaturperiodenpflaster ist, würde ich lieber mal was Utopisches lesen darüber, wie es sich an den Orten, an denen nun mal alle wohnen wollen, schöner wohnen ließe. Was man dafür für Häuser, Wohnblöcke, Brücken, Parks und Straßen bauen, welche Art von Verkehr man zulassen und welchen man umleiten müsste. Ich weigere mich, zu akzeptieren, dass das, was uns als Stadt verkauft wird, alternativlos sein soll.

Ich möchte fast sagen, es gibt Alternativen, ich muss mich nur zurückerinnern an meine Kindheit in München Neuperlach. Da gab’s zwischen den damals blaugrauen Neubaublöcken grüne Wiesen, die nächste Straße war genauso weit weg wie der Kindergarten, und die Grundschule und die Nachbarschaft war diverser als in den meisten Kiezen Berlins.

Jagen

Seitdem hat mich die Sonne ein paarmal um die Erde gejagt, aber eine bessere Idee vom ­Wohnen hab ich noch nicht gefunden. Macht nichts. Die besten Ideen kommen beim Faulenzen.

Man muss sich nur ab und an daran erinnern: „You are young and life is long and there is time to kill today.“

Nächste Woche Nina Apin